Die EU legt den Fokus bei der Digitalisierung des Geldes auf Endkonsumenten (Retail), digitales Zentralbankgeld (CBDC) und den Heimatmarkt. Die USA fokussieren sich hingegen auf professionellen Finanzhandel (Wholesale) und Stablecoins als privates digitales Geld für die globale Nutzung.
Diese beiden Wege scheinen in gänzlich gegensätzliche Richtungen zu laufen. Doch gibt es hier einen wahren Weg oder eher eine Synthese beider Wege? In seinem Gastbeitrag stellt Dr. Robert Bosch, Vor- und Nachteile beider Strategien einander gegenüber. Können sich beide Wege komplementär ergänzen und kann vielleicht sogar eine Seite von der anderen lernen?
Stablecoins sind in Europa stärker eingeschränkt
Stablecoins sind Payment-Token, die stabil an einen anderen Wert, wie eben US-Dollar oder Euro, in einem 1:1-Austauschverhältnis gebunden sein sollen. Stablecoins, die an eine einzelne amtliche Währung wie den US-Dollar oder den Euro gebunden sind, sollen grundsätzlich jederzeit zum Nennwert eingelöst werden können. Der operative Kernunterschied zwischen GENIUS Act und MiCA liegt in den zulässigen Reserve-Aktiva.
Während der GENIUS Act eine vollständige Deckung durch kurzfristige US-Staatsanleihen erlaubt (Section 4(a)(1)), verlangt MiCA für E-Geld-Token, dass mindestens 30 Prozent der Deckung als Bankeinlagen gehalten werden (Art. 54 MiCA). Nur der verbleibende Teil darf in hochliquide und risikoarme Vermögenswerte, etwa geeignete Staatsanleihen, investiert werden (Art. 38 i. V. m. Art. 54 MiCA). Folgende Tabelle liefert darüber eine Vergleichsübersicht:
| Thema | GENIUS Act (USA) | MiCA (EU) |
|---|---|---|
| 1:1 | Reserven mindestens in Höhe aller ausgegebenen Stablecoins (Section 4(a)(1)) | Ausgabe und Rückzahlung zum Nennwert (Art. 49 Abs. 2 und 4) |
| Mindestanteil Bankeinlagen | Keine gesetzliche Mindestquote | Mindestens 30 Prozent als Einlagen bei Kreditinstituten (Art. 54 MiCA) |
| Staatsanleihen als Deckung | Kurzfristige US-Treasuries (≤ 93 Tage) ausdrücklich zulässig (Section 4(a)(1)) | Zulässig, soweit sie die Anforderungen an hochliquide und risikoarme Vermögenswerte erfüllen (Art. 38 i. V. m. Art. 54 MiCA) |
| 100 Prozent Staatsanleihen möglich? | Ja | Nein, da mindestens 30 Prozent Bankeinlagen vorgeschrieben sind. |
USA und EU verfolgen unterschiedliche erklärte politische Ziele
US-Finanzminister Scott Bessent machte am 7. März dieses Jahres im Weißen Haus die amerikanisch offensive Expansionshaltung besonders klar: „Wir werden dafür sorgen, dass der US-Dollar die dominierende Reservewährung der Welt bleibt, und wir werden dazu Stablecoins nutzen.“
EZB-Chefin Christine Lagarde erkennt in ihrer darauffolgenden Rede vom 8. Mai die US-Haltung und sagte: „Der GENIUS Act ist nicht nur ein Instrument zum Schutz von Konsumenten und Finanzmarktstabilität. Die US-Administration beschreibt ihn explizit auch als Instrument, um die weitergehende globale Dominanz des US-Dollars sicherzustellen und die Nachfrage nach US-Staatsanleihen zu zementieren.“
Abschließend erklärte sie: „Für die monetäre Funktion müssen zunächst die Grundlagen geschaffen werden: tiefere und stärker integrierte Kapitalmärkte sowie ein sicherer Vermögenswert. Stablecoins können diese Grundlagen nicht für uns schaffen, und ohne sie könnten in Euro denominierte Stablecoins sogar die Schwachstellen verstärken, die wir eigentlich überwinden wollen. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, anderswo entwickelte Instrumente nachzuahmen, sondern die Grundlagen und die Infrastruktur aufzubauen, die unseren eigenen Zielen dienen, damit wir die Vorteile der Innovation nutzen können, ohne deren Verwundbarkeiten zu importieren.“
Geld als öffentliches Gut
In einer weiteren Rede am 1. Juli bei einem Zentralbankforum in Portugal sagte Lagarde: „Ich sehe Geld als ein öffentliches Gut und uns als Diener der öffentlichen Hand in der Verantwortung, dieses öffentliche Gut als solches zu sichern und zu schützen. Wenn Stablecoins unkontrolliert bleiben, riskieren wir, ein System zu kreieren, in dem Geld durch den privaten Sektor kontrolliert wird.“
Während die USA Stablecoins als Instrument zur weltweiten Ausweitung der US-Dollar-Dominanz begreifen, betrachtet die EU Stablecoins primär durch die Brille von Finanzstabilität und geldpolitischer Souveränität. Die USA exportieren den US-Dollar durch Stablecoins, während Europa versucht, den Euro vor den Folgen von Stablecoins zu schützen. Die amerikanische Strategie ist offensiv, die europäische defensiv. Die USA streben nach Reichweite und Netzwerkeffekten, die EU nach Kontrolle und Stabilität. Die USA scheinen bereit, für mehr internationale Nachfrage nach dem US-Dollar höhere Risiken in Kauf zu nehmen, während Europa bereit scheint, für höhere Stabilität auf internationale Verbreitung zu verzichten.
Man könnte die Strategien seitens der USA als Marktanteil vor Perfektion und seitens der EU als Perfektion vor Marktanteil zusammenfassen, was sich auch in der gegenüber dem GENIUS Act eher sicherheitsorientierten MiCA-Verordnung widerspiegelt.
Digitale Geldwirtschaft ist systemkritische Infrastruktur
Der europäische Ansatz ähnelt stark dem deutschen Sicherheitsdenken. Das Spannungsfeld zwischen amerikanischem Pragmatismus und Marketing sowie hohen öffentlichen wie privaten Investitionen und ausgereiften Technologien in Europa, die aber seltener als in den USA auch erfolgreich vermarktet werden, ist auch aus anderen Branchen als dem Geldwesen bekannt. Dabei müssten gutes Marketing, ausgefeilte Ingenieurskunst und gründlich geplante Regulierung keine Gegensätze sein.
Der europäische Ansatz, den EZB-Chefin Christine Lagarde nennt, „anderswo entwickelte Instrumente nicht einfach nachzuahmen, sondern die Grundlagen und die Infrastruktur aufzubauen, die unseren eigenen Zielen dienen, damit wir die Vorteile der Innovation nutzen können, ohne deren Verwundbarkeiten zu importieren“, ist richtig. Allerdings hilft er nicht viel, wenn er nicht auch hierzulande umgesetzt wird, ehe andere bereits global die entscheidenden Marktanteile erobert haben.
Die Geldfrage ist keine simple Frage zwischen Privatisierung oder Verstaatlichung, sondern eine geopolitische Macht- und Systemfrage, bei der es um die Kooperation von privatem und öffentlichem Sektor in Symbiose als gemeinsame Existenzfrage geht. Denn Geld ist öffentliches Gut in privater Nutzung und im gesetzlichen Rahmen geschaffenes Gut unter Zuhilfenahme privater Dienstleister wie Banken sowie zugleich zentraler Bestandteil der kritischen Infrastruktur eines Landes.
Europäischer und amerikanischer Ansatz im Vergleich
Der europäische Ansatz, zuerst einen digitalen Euro als digitales Bargeld für die Endverbraucher zu entwickeln, ist bürgernah und stark in der originären Währungsnachfrage beim Endnutzer verwurzelt. Der Ansatz, dass darüber Offline-Zahlungen per NFC-Schnittstelle von Smartphone zu Smartphone möglich sein sollen ohne zentrale Buchführung, ist extrem datensicher und krisenfest und international einzigartig.
Selbst bei kurzfristigen Ausfällen von Strom und Internet liefe das System über Batteriebetrieb ununterbrochen weiter und stellt so eine sinnvolle Ergänzung zum physischen Bargeld dar.
Was für den amerikanischen Ansatz spricht
Aber auch der amerikanische Ansatz, bestehende private Lösungen wie die Stablecoins durch Regulierung salonfähig zu machen und zur Monetarisierung der Staatsschulden zu verwenden, ist smart. Obwohl die Geldmenge zur Finanzierung der Staatsschulden erhöht wird, resultiert keine ausufernde Geldentwertung, da die zusätzliche internationale Nachfrage nach US-Dollar-Stablecoins und die Produktivitätsgewinne durch Außenhandel das neu geschaffene Geldangebot kompensieren.
Die Qualität des Geldes wird über die Hülle der Stablecoins verbessert: über bessere Kompatibilität mit anderen Krypto-Assets via international agierender Krypto-Börsen und Smart Contracts und die damit erhöhte internationale Transferierbarkeit und Liquidität. So kann die Quantität des Geldes ohne Wertverlust erhöht werden, da auch die Geld-Qualität und die Geld-Nachfrage steigt.
Hinweis: In einer Fortsetzung zeigen wir, wie sich der europäische Ansatz zum digitalen Geld weiterentwickeln könnte, welche Entwicklungen dazu bereits angedacht sind und welche Rolle ein Wholesale-Digitaler-Euro für Banken dabei spielen könnte.


