„Die Kurse werden wieder anziehen”: Sir Howard Davies im Interview

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„Die Kurse werden wieder anziehen”: Sir Howard Davies im Interview

Sir Howard Davies gilt als einer der führenden Finanzexperten weltweit. Ein Blick auf seinen Lebenslauf verrät, warum. Von 1995 bis 1997 war Davies stellvertretender Direktor der Bank of England, von 1997 bis 2003 Vorsitzender der britischen Finanzmarktaufsicht FSA sowie elf Jahre als Direktor für die Risikoabteilung des Bankenriesens Morgan Stanley zuständig. Heute leitet Davies die krisengebeutelte Royal Bank of Scotland und berät nebenbei Fonds sowie die chinesischen Finanzbehörden. Wie es um die Zukunft des Bitcoin steht, welche Auswirkungen Kryptowährungen für Zentralbanken haben und welche Rolle die Blockchain dabei spielt – hierzu beantwortete Howard Davies BTC-ECHO einige Fragen.

BTC-ECHO: Während der Bitcoin im vergangenen Jahr in astronomischen Höhen schwebte, verglichen Sie den drohenden Crash der Krypto-Ökonomie mit Dantes Inferno. Seit dem Allzeithoch im Dezember von 19.783 US-Dollar ist der Bitcoin-Kurs stark gesunken. Das Inferno ist eingetreten, der Bitcoin jedoch nicht völlig ausgebrannt. Wie sehen Sie die Zukunft von Kryptowährungen? Besteht eine Chance, dass sich der Bitcoin aus seiner Asche erhebt?

Howard Davies: Meine Dante-Anspielung bezog sich auf den Vers „Gebt die Hoffnung auf, alle, die ihr hier hineingeht.“ Dabei ging es mir vor allem um die Warnung an Kleinanleger, die dachten, mit Bitcoin-Investments könne leichtes Geld verdient werden. Ich hoffe, ein paar Leute haben zugehört! Die jüngsten Preisstürze haben bewiesen, dass Kryptowährungen hochvolatile Investments sind. In Zukunft könnten sie aber weiterhin eine Rolle spielen und ich glaube, dass die Kurse wieder anziehen werden – zumindest zu einem gewissen Grad. Ich glaube allerdings, dass Kryptowährungen am Rande des Finanzsystems bleiben werden und dort bleiben sollten.

Howard Davies: „Ein Bitcoin-ETF würde mich nervös machen“

Neben den Kurssprüngen markierte das vergangene Jahr einen für die Branche historischen Moment, als die Chicagoer Terminbörsen ihre Portfolios um Krypto-Futures erweiterten. Momentan halten sich Gerüchte, dass etwa Goldman Sachs ins Krypto-Trading einsteigen oder Citigroup neue Anlagemöglichkeiten für Bitcoin-Investoren schaffen könnte. Haben Kryptowährungen einen Platz im traditionellen Finanzsektor? Werden wir sogar Zeugen eines derzeit viel diskutierten Bitcon-ETFs an den Börsen?

Das ist durchaus möglich, aber ich spüre eine gewisse Zurückhaltung bei den größeren Finanzinstituten. Sie [große Banken] werden darauf bedacht sein, genau diese Investments nicht an Kleinanleger zu vermarkten, wo Regulatoren darauf drängen werden, alle Risiken genau auszuweisen. Mich persönlich würde ein Bitcoin-ETF nervös machen, aber ich denke, ein solcher könnte durchaus Realität werden.

„Regulatoren sollten Risiken schonungslos offenlegen“

Im vergangenen Jahr ließ Nobelpreisträger Joseph Stiglitz verlauten, Bitcoin müsse verboten werden. Abseits eines solchen Verbotes – müssen Regulatoren mehr dafür tun, die Märkte zu kontrollieren und zu begrenzen? Welche Schritte sollten Gesetzgeber gehen?

Grundsätzlich wäre es nicht einfach, Kryptowährungen zu verbieten. Wenn spezialisierte Trader mit solchen Anlagen untereinander handeln wollen, sollen sie dies tun. Bei Kleinanlegern treten jedoch andere Probleme auf. Hier sollten Regulatoren auf die schonungslose Offenlegung von Risiken achten. Weiterhin sollten sie die Verschuldung der Investoren ins Visier nehmen. Sobald Investoren Schulden aufnehmen, um hochvolatile Anlagen zu kaufen, schafft dies Risiken für die Finanzstabilität.

„Die Blockchain hat großen Nutzen – jedoch in wenig glamourösen Bereichen“

Werfen wir einen Blick auf die andere Seite der Medaille. Sowohl vonseiten der Wissenschaft als auch von Banken hört man dieser Tage immer vom vielversprechenden Potential der Blockchain-Technologie für den Finanzsektor. Die Einschätzungen einiger Tech-Enthusiasten gehen sogar soweit, dass dezentrale Datensysteme traditionelle Banken in Zukunft überflüssig machen werden. Welche Chancen sehen Sie in Kryptowährungen und der Blockchain für den Bankensektor?

Die zugrunde liegende Blockchain-Technologie ist für den konventionellen Finanzsektor sicherlich interessant. Sie besitzt vor allem Nutzen in Bezug auf Sicherheit – dieser muss sich jedoch am Risiko der Kosten messen lassen, denn das Minen neuer Coins ist teuer und verschlingt eine Menge Energie. Der vielversprechendste Nutzen [der Technologie] liegt jedoch in wenig glamourösen Bereichen, wie etwa dem gesetzlichen Berichtswesen. Hier müssen Firmen gemeinsam ihren Geschäftsverkehr offenlegen. Die Blockchain ist dafür ideal – und es gibt sicherlich viele andere sinnvolle Anwendungen. Sämtliche Banken arbeiten derzeit intensiv an solchen Lösungen – sowohl individuell als auch gemeinsam in Konsortien.

„Als Zentralbanker würde ich mich von Kryptowährungen fernhalten”

In einem Guardian-Artikel sprechen Sie davon, dass Kryptowährungen besonders aus Sicht der Zentralbanken „zu groß sind, um wegzuschauen.“  Derzeit würden sie sich deshalb in Tauben und Falken aufteilen – diejenigen, die sich den neuen Technologien öffnen und diejenigen, die sich ihnen entschieden entgegenstellen. Wie schätzen Sie als ehemaliger Zentralbanker den Einfluss der neuen Technologien auf die Geldpolitik und die Zentralbank-Aktivitäten etwa im Bereich zwischenbanklicher Zahlungen ein? Wie stehen Sie zur Idee staatlicher Kryptowährungen?

Wie die BIS [Bank for International Settlements, Bank für Internationalen Zahlungsausgleich] bereits herausgestellt hat, erfüllen Kryptowährungen derzeit nicht die Hauptkriterien für Währungen. Transaktionen sind kostspielig und ihr Wert ist hoch-volatil. Zudem sind sie von keiner staatlichen Autorität gestützt. Letzteren Punkt könnte man umgehen, wenn Zentralbanken Kryptowährungen herausgeben. Aber wollen Zentralbanken überhaupt direkte Finanzbeziehungen zu Individuen und Firmen? Das würde ihre Rolle dermaßen ausweiten und sie anfällig für neue Risiken machen. Wäre ich noch Zentralbanker, würde ich mich davon fernhalten wollen.

Eine letzte Frage. Neben ihrem Alltag als Vorsitzender der Royal Bank of Scotland beraten Sie die chinesische Regierung in Regulierungsfragen. Mit ihrem exklusiven Blick hinter die Kulissen: Sehen Sie die Chance einer chinesischen Öffnung für die Krypto-Ökonomie?

Hier geht es China wie jedem anderen Finanzmarkt. Sie haben die Ankunft von Kryptowährungen und ICOs zunächst beobachtet. Heute jedoch ist das regulatorische Umfeld besonders beschränkend. Die chinesischen Behörden haben die Risiken früh wahrgenommen und besitzen dazu die Möglichkeiten, entschieden einzugreifen. Solange die Behörden ihre Meinung nicht ändern, werden sich Kryptowährungen weiter unterordnen müssen.

Wir danken Howard Davies für das Interview.

Das Interview wurde vom Englischen ins Deutsche übersetzt. 

BTC-ECHO

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