Zentralbanken und Bitcoin – Eine Reise um den Globus (Teil 2)

Während der Bitcoin dieser Tage ungeahnte Höhen jenseits der zuletzt astronomischen 15.000 US-Dollar erklimmt, herrscht nicht nur Euphorie und Goldgräberstimmung, sondern auch Zweifel, Skepsis und Angst vor der nächsten unkontrollierten Tulpe um die Kryptowährungen – besonders vonseiten staatlicher Behörden und Zentralbanken.



Fragt man Regierungen, staatliche Institutionen und Behörden herrscht alles andere als Konsens, wie mit der aufstrebenden Wirtschaftskraft abseits herkömmlicher Kontrolle zu verfahren sei. Im Gegenteil: Je nachdem, auf welchen Fleck unserer Erde der Blick fällt, ergibt sich vielmehr ein Flickenteppich staatlicher Antworten statt eines einstimmigen Tenors.

To regulate or not to regulate – das ist die Frage. Und die Wächter der Weltwirtschaft sind sich uneinig.

Während die einen Marktmächte walten lassen wollen, Kryptowährungen den Geldstatus aberkennen, sich gar nicht erst in der Verantwortung sehen oder das monetäre Risiko als zu gering betrachten, holen wieder andere zum Schlag aus. Mit dem regulativen Lasso wollen sie die Digitalwährungen zurück in die sicheren Hände der Behörden befördern.

Die folgende Übersicht begibt sich auf eine Reise um den Globus: Sie soll einen Überblick über die weltweite Situation liefern und – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – Unterschiede in den staatlichen Herangehensweisen offenlegen.

Teil 2 führt uns in dieser Woche durch eine Auswahl derjenigen Länder, die zwar Gefahren und Risiken fürchten, jedoch auch stellenweise Potentiale in Kryptowährungen für sich erkennen. Sie sind sich unsicher und warten noch ab, ob regulative Maßnahmen notwendig sind und welche Gestalt diese annehmen sollen.

Die Abwartenden

Die Europäische Union

Wer sich mit der Zukunft für Kryptowährungen im Euroraum beschäftigt, kommt um die europäische Zentralbank EZB nicht herum. So ist mit Blick auch die Kursexplosion des letzten Jahres immer wieder auch ein Echo aus Frankfurt vernehmbar. Dabei verbleibt die EZB jedoch in Wartehaltung, warnt zwar, weist einen konkreten Handlungsbedarf allerdings noch von sich. So sprach etwa Vizepräsident Vitor Constancio erst im September von einer Bitcoin-„Tulpe“, während EZB-Direktoriumsmitglied Yves Mersch davor warnte, Geschäftsbanken wären zu langsam, um mit Kryptowährungen zu konkurrieren. Mit Blick auf solche Risiken betonte Direktoriumskollege Benoît Cœuré im Oktober zudem, man müsse Kryptowährungen aufgrund ihres kriminellen Potentials der Geldwäsche und Steuerhinterziehung fest im Auge behalten. Abseits dieser Warnungen bestätigte er zuletzt jedoch auch die EZB-Haltung, die Präsident Mario Draghi seit jeher anführt und vom regulativen Handeln abhält: Kryptowährungen seien kein „monetäres Risiko“ für die Stabilität des Euros, ihr Einfluss sei zu gering. Draghi hatte zudem im vergangenen Jahr darauf hingewiesen, der EZB fehle ohnehin die Befugnis regulativ zu intervenieren. Ein kommender Eingriff der Zentralbank ist somit nicht zu erwarten.

Die EU-Mitgliedsstaaten: Deutschland und Frankreich

Blickt man in die Mitgliedsstaaten und besonders auf die Finanzmotoren der EU, bestätigen sich die Befürchtungen einiger EZB-Direktoren.

So pries etwa Bundesbankchef Jens Weidmann Mitte des Jahres zwar Innovationen im Finanzsektor an, die durch Kryptowährungen herbeigeführt würden. Gleichzeitig mahnte er aber auch vor den Gefahren, ihrer dezentralen Natur und betonte die Problematik einer fehlenden zentralen Kontrollinstanz. Ebenso hatte zuvor Vorstandsmitglied Carl-Ludwig Thiele Verbraucher davor gewarnt, Bitcoin als Wertaufbewahrungsmittel zu nutzen. Denn deren Risiken seien unüberschaubar. Ein Grund dafür sei die hohe Volatilität etwa des Bitcoins.

Ähnlich wie die Deutsche Bundesbank hält auch die Französische Zentralbank Bitcoin für ein Spekulationsobjekt. So warnte François Villeroy de Galhau, Gouverneur der Banque de France, Anfang Dezember eindringlich vor der Nutzung des Bitcoins. Man solle sich darüber im Klaren sein, dass dieser in keiner Weise eine Währung sei, noch nicht einmal eine Kryptowährung.

Regulierung jedoch ist von beiden Staaten nicht zu erwarten. Dies liegt in erster Linie an der Finanzhoheit und Vorreiterrolle der EZB für den Euroraum.

Das Noch-Mitglied: UK

Ganz anders sieht die Haltung jedoch beim Noch-EU-Mitglied UK aus. Die Bank of England sieht Kryptowährungen derweil durch eine weitaus hoffnungsvollere Brille. So sprach Zentralbank-Direktor Mark Carney etwa von einer potentiellen Revolution, die durch die virtuellen Bezahlalternativen angestoßen werden könne. Potential sieht Carney etwa im Bereich Datensicherheit und Cyberabwehr, die durch die zugrunde liegende Blockchain-Technologie der Kryptowährungen gestärkt würde. Dennoch sei die Bank of England weit davon entfernt, eine eigene digitale Version des Sterlings auf den Weg zu bringen. Von einer Regulierung bestehender Kryptowährungen sieht sie zurzeit ab.

USA

Wirft man den Blick von Europa über den großen Teich, bestätigt sich die abwartende Haltung der alten Welt. Derzeit stecken die Untersuchungen der US-amerikanischen Zentralbank, der Federal Reserve, noch in den Kinderschuhen. Eine mögliche regulatorische Antwort im Angesicht des Krypto-Booms erscheint derzeit wenig mehr als ein Silberstreifen am Horizont. Zwar betonte Federal-Reserve-Direktoriumsmitglied Jerome Powell in diesem Jahr die Notwendigkeit, mögliche Regierungsantworten und Risikomanagement fest im Blick zu halten. Denn grundsätzlich könnten Kryptowährungen eine zentralbankliche Herausforderung darstellen. Geldpolitisch liege diese Situation jedoch noch fern. Vielmehr seien Kryptowährungen derzeit „einfach nicht groß genug“. Etwaige Sicherheitslücken für Verbraucher könnten vor allem auch durch Privatanbieter geschlossen werden, sodass staatliches Eingreifen nicht notwendig sei.

Wie die einzelnen Bundesstaaten hingegen auf die Bitcoin-Welle reagieren, bleibt jedoch spannend. So zeigt sich Bundesstaat Georgia derzeit enthusiastisch und hat in dieser Woche erste Bitcoin-Automaten aufgestellt.

Derweil bekommt besonders der Bitcoin auch immer mehr Gewicht bei den amerikanischen Terminbörsen – dennoch ist eine staatliche Antwort zunächst nicht zu erwarten.

Singapur

Weiter geht die Reise nach Westen: Während Singapur sich dieser Tage als bester Freund der Blockchain mausert, seine Nachbarn scheinbar um die Wette regulieren, verbleibt der südostasiatische Tigerstaat noch in Wartestellung. So unterstrich Zentralbankleiter Ravi Menon im Oktober, Singapur habe Kryptowährungen fest im Auge, wolle diese dennoch nicht regulieren. Der Bedarf finanzpolitischer Regulierung sei schlicht nicht gegeben. Stattdessen wolle man dem kriminellen Potential mit Anti-Geldwäschekontrollen auf Mittlerebene begegnen.

Zwischenfazit

Die Fackel, die der Bitcoin dieser Tage der stetig wachsenden Bedeutung von Kryptowährungen vorweg trägt, leuchtet hell – dies ist Staaten und deren Zentralbanken nicht entgangen.

Während, wie in Teil 1 gezeigt, besonders im asiatischen Raum viele Staaten um Einfluss und Kontrolle fürchten, sich in Abwehrhaltung positionieren und den virtuellen Währungen den regulativen Riegel vorschieben, behalten sich immer noch viele Staaten diesen Schritt vor.

Die in Teil 2 präsentierte Auswahl will zeigen: Staaten zwischen Zuversicht und Angst, zwischen Regulierung und Freimarkt, zwischen Sicherheitsbedürfnis und scheinbarer Risikofreudigkeit, Staaten in abwartender Haltung sichten derzeit die Lage, wägen ab und dominieren weltweit das Bild des regulatorischen Flickenteppichs. Wie sie sich in Zukunft entscheiden, hängt vom Einzelfall ab.  Eine Prognose scheint an dieser Stelle einzig dem Blick in den Kaffeesatz vorbehalten.

Teil 3 unserer Reise um den Globus führt uns zu denjenigen, die die Potentiale von Kryptowährungen zu erkennen glauben und für sich nutzen wollen.

BTC-ECHO

Über David Barkhausen

David BarkhausenDavid Barkhausen hat als freier Journalist bereits für mehrere Tageszeitungen, Funk, Fernsehen und nebenbei seinen eigenen Blog geschrieben und berichtetet. Seit 2017 widmet sich der Master-Student der Politikwissenschaften der Universität Heidelberg dem Themenkomplex Blockchain. In diesem Zusammenhang fokussiert er sich vor allem auf die Bereiche Regulierung, Gesellschaft und Wirtschaftspolitik.