Wird die alte Garde abgelöst? Eine Einschätzung der aktuellen Marktentwicklung

Wird die alte Garde abgelöst? Eine Einschätzung der aktuellen Marktentwicklung

Neue Kryptowährungen wie Cardano, Stellar und nun TRON scheinen altgediente wie Litecoin und DASH vom Thron gestoßen zu haben – was bedeutet das für den Markt?

Jene, die nicht in jüngere Coins wie Cardano oder TRON oder in blockchain-ähnliche Systeme wie Ripple oder Stellar investierten, haben aktuell das Nachsehen. Bis auf NEM, Ripple und Ethereum konnte keine der in den Top Ten wohlbekannten Kryptowährungen positive Kursentwicklungen vorweisen:

Während Ripple vor einem Monat noch auf Platz 4 der Kryptowährungen war und DASH und Litecoin die Plätze 5 und 6 einnehmen konnten, ist das Marktkapital von Ripple gemäß Coinmarketcap jetzt mehr als halb so groß wie das von Bitcoin, während DASH jüngst aus den Top Ten der Kryptowährungen geworfen wurde.

Wie ist diese Entwicklung einzuordnen? Ist das Ende der „alten Garde“ eingeläutet worden? Zur Einschätzung dieser Entwicklung sollen hier einige Punkte diskutiert werden.

Sinn und Unsinn des Marktkapitals

Zum Zocken mit Kryptowährungen kommt häufig der singuläre Fokus auf das Marktkapital – vor einigen Monaten wurde von „flippening“ gesprochen, von einem Ereignis, in welchem erhofft (oder befürchtet) wurde, dass Ethereum Bitcoin vom Thron stoßen könnte.

Dieser Fokus auf das Marktkapital im Vergleich zu anderen Kryptowährungen ist aus verschiedenen Gründen nicht zielführend. Zum einen kann die aktuelle Position temporärer Natur sein. Im Juni sahen die ersten 14 Plätze von Coinmarketcap wie folgt aus:

Auch hier konnten einige bisher unbekannte beziehungsweise neue Coins ausgemacht werden. Stratis, Sia, Digibyte, Bytecoin und Golem waren seinerzeit für viele Junginvestoren interessante Coins – konnten sich jedoch nicht nachhaltig im oberen Bereich von Coinmarketcap halten. Stratis steht auf Platz 30, alle anderen noch tiefer.

Zudem muss bei einem Marktkapital auch berücksichtigt werden, wie es zustande kam. Wenn durch einen massiven Airdrop Billionen von Coins verteilt werden (oder noch besser: nur ein Teil derselben), diese dann auf Exchanges einen Marktwert von einem Cent erzielen, ist man schnell bei einem äußerst beachtlichen Marktkapital angekommen.

Auf das Portfolio, nicht auf Coinmarketcap schauen

Sicherlich ist es frustrierend, seine Coins nicht mehr weit oben bei Coinmarketcap und ähnlichen Seiten zu sehen. Dieser Frust wird noch zusätzlich durch negative, rot gefärbte Kursentwicklungen in den letzten 24 Stunden verstärkt. Sollte also ein Langzeit-Investor betrübt sein, dass sein Coin aktuell einen schlechten Kurs vorweist, ist ein Blick auf die Entwicklung in letzter Zeit vonnöten: Allein seit Anfang Dezember ist beispielsweise DASH, auch wenn er aus den Top Ten der Kryptowährungen gefallen ist, um 41 % gestiegen. Sicherlich mag man nun monieren, dass Ripple viel stärker angestiegen ist, aber das ist Jammern auf hohem Niveau.

In dem Kontext ist der Blick auf das eigene Portfolio deutlich wertvoller als der ständige Blick auf Coinmarketcap und ähnliche Seiten.

Was ist der Use-Case und was ist der Sinn des Token?

Wenn mit Vitalik Buterin einer der führenden Entwickler im Blockchain-Bereich damit droht, die Community zu verlassen, wenn man nur über Lambos spricht, sollte das als ein Warnzeichen verstanden werden, denn der eigentliche Grund für einen nachhaltigen Wertanstieg kann nur durch eine flächendeckende Adaption der Blockchain-Technologie erfolgen – und hier ist weiterhin Entwicklungsarbeit notwendig.

Er spricht einen wichtigen Punkt an. So amüsant Lambo-Memes auch sind, geht es am Ende um echte Use-Cases. Wenn Kryptowährungen kein wirklich existierendes Problem lösen oder ein neues, nachhaltiges Geschäftsmodell vorweisen können, ist der Kaiser, dessen Kleider nicht nur bewundert, sondern gekauft werden, nackt. Und früher oder später werden das die Investoren merken.
Der Blick auf die Technologie hinter einem Coin kann auch helfen, aktuelle Preisanstiege einzuordnen. Der aktuelle Kursanstieg von XRP bedeutet, dass die durchschnittliche Transaktionsgebühr inzwischen über zwei Cent kostet. Es stellt sich die Frage (und ist einen eigenen Artikel wert) bis wohin ein derartiger Preisanstieg für den eigentlichen Use-Case von Ripple lukrativ ist.
Außerdem sollte gerade bei neuen Coins auch berücksichtigt werden, wo sie in ihrer Roadmap stehen. Cardano ist ein äußerst interessanter Coin – dennoch muss jedem Investor klar sein, dass es sich noch um Work in Progress handelt. Das ist per se überhaupt nicht schlimm – und im Fall von Cardano wird der aktuelle Entwicklungsstand sehr zeitnah weitergegeben – aber jedem muss klar sein, dass ein weiter Weg noch zu gehen ist und sich diese Kryptowährung noch beweisen muss.

Des Weiteren ist bei Token ein Blick auf die Funktion des Token wichtig. Im Fall von EOS, einem Token, welcher ebenfalls in letzter Zeit einen starken Anstieg vorweisen konnte, handelt es sich um einen ERC20-Token, über den im FAQ von EOS explizit eine zukünftige Nutzung ausgeschlossen wird:

„CRYPTOGRAPHIC TOKENS REFERRED TO IN THIS WHITE PAPER REFER TO CRYPTOGRAPHIC TOKENS ON A LAUNCHED BLOCKCHAIN THAT ADOPTS THE EOS.IO SOFTWARE. THEY DO NOT REFER TO THE ERC-20 COMPATIBLE TOKENS BEING DISTRIBUTED ON THE ETHEREUM BLOCKCHAIN IN CONNECTION WITH THE EOS TOKEN DISTRIBUTION.“

Es kann sein – und darauf hoffen nicht wenige, dass diese ERC20-Token, sobald die Blockchain läuft, in EOS-Token überführt werden. Ob das passiert, ist jedoch aktuell unklar und wird zumindest im Technical White Paper nicht erwähnt. So oder so sollte man wie im Fall von Cardano im Auge haben, dass man hier darauf wettet, dass die ERC20-Token noch weiter genutzt werden. Das entsprechende Risiko sollte einem bewusst sein.

Kryptowährungen – neue Technologie oder Zockerparadies?

Ganz abgesehen von den Kursen fällt eine Entwicklung auf, die es schon mehrfach im letzten Jahr gab (beispielsweise im schon zitierten Juni): In Foren, Facebook-Gruppen oder Subreddits steigt die Zahl der Lambo-Memes, der „Welcher Coin wird 2018 durch die Decke gehen“-Fragen und leider wieder der „buy xxyyy. Thank me later.“-Posts. Auf Tweets ehemaliger CEOs von Antiviren-Software muss nicht weiter eingegangen werden.

Dass man mit Kryptowährungen Profit machen will, ist vollkommen in Ordnung – Langzeitinvestoren und Trader tun dies auch. Es besteht jedoch zwischen dem Wunsch nach Profit und der Hoffnung, mit kleinstem Einsatz reich zu werden, ein großer Unterschied.

Leute, die sich „get rich quick“ denken, machen sich selber unglaublichen Stress. Sicher ist die Euphorie, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben, etwas Schönes, aber wenn sie im Kontext eines emotionsgeladenen „ich will heute reich werden“ geschieht, ist auch dieses positive Gefühl purer Stress. Und wenn es schlecht läuft, ist es für das eigene Gemüt natürlich katastrophal! Langzeitinvestoren und Trader investieren mit einem Plan und gehen entsprechend ruhiger an die Sache heran.

Zocker sind also, um in krypto-affinen Begriffen zu sprechen, zwischen FUD und FOMO gefangen. Das ist zum einen für sie selbst schlecht, zum anderen schlecht für die Community insgesamt. In der Hinsicht sei jedem geraten, sich mit seinen Investments genauer zu befassen.

Das Bild der Top 14 Coins von Juni 2016 wurde nicht umsonst gewählt. Zwischen Juni und Juli ist das gesamte Marktkapital um 40 % gefallen. Die Währungen, die neu in die Top Ten der Kryptowährungen aufgestiegen sind, fielen daraufhin weit nach hinten. Jedem muss klar sein, dass auch das passieren kann. Deshalb lohnt es sich, erstes ruhig zu investieren, zweitens den technischen Background der für ein Investment vorgesehenen Kryptowährungen genau zu analysieren. BTC-ECHO wird deshalb die Reihe „New Coins on the Block“ wieder mit mehr Energie fortsetzen.

BTC-ECHO

Über Dr. Philipp Giese

Dr. Philipp GieseDr. Philipp Giese arbeitet als Chief Analyst für BTC-ECHO und ist auf die Bereiche Chartanalyse und Technologie spezialisiert. Der promovierte Physiker kann dabei auf jahrelange Berufserfahrung als technologischer Berater zurückgreifen. Zudem ist er zentraler Ansprechpartner im Discord-Channel von BTC-ECHO und pflegt als Speaker und Interviewer den Austausch mit Startups, Entwicklern und Visionären.

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