Trading mit System? – Ein paar Tipps für Einsteiger

Gründerfonds

In diesem Artikel wollen wir die Grundlagen von Trading Systems und Geldmanagement diskutieren.

In den letzten Monaten habe ich neben den Kursanalysen einige grundlegende Artikel zum Thema Trading für Einsteiger verfasst. Ich habe über fundamentale und technische Analyse gesprochen und in dem Zusammenhang diskutiert, was bei den unterschiedlichen Tradingansätzen, speziell bei der technischen Analyse, zu beachten ist.

So wichtig technische und fundamentale Analyse auch sind,  für das Tagesgeschäft beim Trading ist jedoch grundlegenderes wichtig: Wie investiere ich Geld so, dass ich am Ende möglichst mit einem Plus nach Hause gehe?

Das Problem ist folgendes: Auch wenn Kurs, Trend, Indikatoren oder sonstige Zeichen für eine bestimmte Entwicklung sprechen, kann ein Kurs genau die andere Richtung einschlagen.

Das liegt nicht einfach an der eigenen Fehlbarkeit (trotzdem an der Stelle mea maxima culpa), sondern auch an spontanen Entwicklungen, die so nicht vorhersehbar waren. Gerade kleine Altcoins weisen eine Volatilität auf, die über mittelfristige Zeitskalen kaum vorhersehbar ist.

In der Hinsicht ist klar, dass es mehr  als Wissen von Indikatoren etc. braucht, um nicht einfach Glücksspiel zu betreiben. Nein, ich will mich noch radikaler ausdrücken:

Trading ist Glücksspiel

Boom, da habt ihrs. “Was soll dann ein System bringen” werden manche fragen. Nun, es gibt Glücksspiele und Glücksspiele. Roulette oder Kopf oder Zahl haben einen komplett anderen Charakter als Pferde- und Sportwetten oder Poker.

Erstere Form von Glücksspielen sind komplett zufällig, während die zweite Form begründete Vermutungen zulässt: bei aller Liebe gegenüber dem Land meiner Geburt weiß ich, wie unwahrscheinlich ein WM-Sieg Österreichs im Fußball ist. Mein Geld werde ich also nicht unbedingt auf Österreich setzen!

Ähnliches lässt sich über das Trading sagen: auf Basis einer wohlbegründeten Vermutung kann ich in eine Kryptowährung investieren. Diese Vermutung erhalte ich durch eine Analyse – sei es eine fundamentale, eine technische oder eine Kombination aus beiden.

Doch die Basis meines Investments bleibt, was sie ist – eine Vermutung. Deshalb ist es gut, sich sinnvoll abzusichern. Über solche Absicherungen möchte ich nun sprechen.

1.) Setz nicht mehr Geld ein, als Du verlieren kannst

“You gotta lose Money to make Money.” So sagt der Volksmund und er hat recht. Auch eine sorgfältige Kursanalyse kann nichts gegen abrupte Ereignisse tun. Erinnern wir uns an der Stelle an die DAO: der Kurs von Ether und BTC hat sich dramatisch gut entwickelt – bis zum Hack. Der DAOnfall sei noch einmal gezeigt:

eth_kursbeispiel

Selbst wenn man eine Kursentwicklung korrekt einschätzt kann es passieren, dass die Technik nicht mitspielt: vor einiger Zeit wollte ich einen Teil von meinem Ethereum gewinnbringend verkaufen, was jedoch aktuell unter jaxx nicht funktionierte. Gegen solche Vorfälle hilft keine Tradinganalyse!

Schließlich sei an MtGox, Cryptsy und Bitfinex erinnert – Ich selbst hatte etwas Verlust im Fall von Cryptsy gemacht. Im Fall von MtGox hat so mancher mehr als nur etwas verloren: es gab Trader, die ihre ganzen Ersparnisse in Bitcoin pumpten oder Kreditkarten zugunsten von Bitcoin ins Limit brachten. Unbedachtes Trading kann einem also die finanzielle Existenz ruinieren.

In der Hinsicht ist folgende Faustregel am Besten: deklariere alles in Kryptowährungen angelegte für Dich als Ausgaben. Da ich dem Leser generell unterstelle nicht mehr auszugeben als er sich leisten kann wird das den Rest regeln.

Trading-Ratgeber sind an der Stelle oft noch strenger, dort liest man bisweilen, dass man maximal 2% seines für das Trading verfügbaren Geldes in einen Trade stecken soll. Das sehe ich etwas legerer.

Wir haben es mit einem Markt mit deutlich geringeren Kosten zu tun, in dem, sollte ein Trade in die Hose gehen, man ggf. auch mal einige Zeit lang ein frustrierter Bagholder sein kann – es kostet uns nichts, diese Position zu halten.

Zwar gilt gerade im Shitcoin-Bereich nicht unbedingt, dass ein Coin nach einem Dump wieder ordentlich ansteigen muss, jedoch sieht die Situation bei Tier 2 Währungen schon interessanter aus.

2.) Investiere mit einem Plan

Wer kennt es nicht: Coin xyz schießt in die Höhe bzw. lässt Anzeichen erkennen, selbiges zu tun. Entweder man kauft jetzt begeistert ein oder gehört zu den glücklichen, die schon gekauft haben. Frage: wann verkauft man? (Klar, Frage ist auch, ob man wirklich kaufen sollte…)

Mir ist oft an mir aufgefallen, dass ich mich irgendwann in eine Währung einkaufe und dann den Wert so lange wie möglich halten will. Wenn man die Zeit hat bzw. wenn man Scalp Trading praktiziert (d.h. wenn man Trading Positionen nur sehr kurz, maximal einige Stunden hält) kann man durchaus so vorgehen. Man beobachtet in der Zeit den Kurs äußerst genau und steigt aus, sobald die Situation heikel wird.

Aber wenn man sich morgens in eine bullishe Währung einkauft und nach Feierabend merkt, dass die Situation sich dramatisch geändert hat? Vielleicht ist der Kurs nun unter dem Wert von heute morgen… was macht man dann? Auf bessere Zeiten warten? Die können kommen, aber gerade im Shitcoin-Bereich kann es sein, dass ein äußerst lukrativer Pump ein Ende fand und auf absehbare Zeit nicht mehr wiederkommt.

Deshalb ist es sinnvoll, immer mit einem Plan zu traden. Eine erste Möglichkeit ist, im Vorfeld einen Exit zu überlegen, wann man aus einem Trade wieder aussteigt. Man kann das an einem bestimmten Wert festmachen, dass man sagt “bei Wert x verkaufe ich, egal, wie die Zeichen sind!”

Das ist die einfachste Methode, die den Vorteil hat, dass man ein derartigen Plan in vielen Exchanges automatisieren kann. Klar, bei einer ordentlichen Rallye kann man zu früh aussteigen und weniger Gewinn machen als möglich gewesen wäre!

Dafür ist die Wahrscheinlichkeit, zu spät abzuspringen, deutlich geringer – alle Bagholder irgendwelcher Shitcoins, die ein Pump and Dump Scheme erlebten werden wissen, was ich meine. Mit einem derartigen Plan auszusteigen gibt dem eigenen Selbstbewusstsein einen Schub – schließlich hat man im Plan getraded und Profit gemacht!

Eine etwas kompliziertere Methode, die ich jedoch jedem ans Herz legen will, ist das Einrichten von Stop Losses: Beim Kauf gib direkt einen Wert leicht unter dem Low von diesem und dem letzten Tag (bzw. Der Periode, die Du zum Traden nutzt) an.

Sollte der Kurs unter diesen Kurs fallen, wird verkauft. So verhinderst Du signifikante Losses (eine ähnliche Taktik kann man beim shorting anwenden, aber dazu mal ein anderer Artikel). Solange der Kurs aufwärts geht kann man diesen Wert täglich entsprechend anpassen. Außerdem kann man in der Zeit je nach seinen Möglichkeiten einfach die Position halten oder weiter “einkaufen”.

Das lässt sich auf vielen Exchanges automatisieren. Auf TradingView kann immerhin ein Alarm gesetzt werden, so dass man eine EMail oder SMS erhält, wenn der Kurs unter ein eingestelltes Niveau steigt. Im letzteren Fall muss man noch selbst tätig werden, aber dank Smartphone und Co. ist das ja nicht unmöglich.

Mithilfe von Stop Losses verhindert man, dass das, was man gewonnen hat, durch Emotionen Marke “to the moooooon!!!” vollständig bei einem Pump verdampft werden.

Diese Stop Losses sind wichtig, da wir – siehe Punkt 1 -nur eine begrenzte Menge an Geld haben – so dass jeder Loss es schwieriger macht, insgesamt einen Profit zu erzielen – womit wir zu Punkt drei kommen.

3.) Hab Dein Geld im Auge

Und zwar primär in der Währung, die Du als Basis für die Trades nimmst. Wenn Du Krypto gegen Euro täuschst also Euro, im Fall Altcoins gegen BTC Bitcoin. Ja, es gibt auch Leute, die meinen, man solle das nicht tun: Die Rückrechnung auf die ursprüngliche Währung könne die eigene Gier in guten bzw. Angst in schlechten Zeiten anheizen. Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden, mir helfen die klaren Zahlen, frühzeitig die Qualität eines Trades zu erkennen.

Oft passiert es, dass man an Positionen festhält, weil man sich den konkreten Gegenwert nicht ins Gedächtnis ruft. Ich habe mir deshalb zur Angewohnheit gemacht, immer auch potentielle Wertgewinne/Verluste im Auge zu behalten.

Dazu betrachtet man nicht nur den Tauschwert, sondern auch die Tradingfee sowie die Transaktionsfees – immer auf die Startwährung zurückgerechnet -, um so zu sehen, wie sich das eigene Guthaben entwickelt.

Ich habe im ersten Punkt darauf hingewiesen, dass man nicht mehr traden soll, als man verlieren kann. Diesen Punkt sollte man nicht nur bzgl. Existenzängsten sehen, ich vermute mal, dass das Gros der Leser nicht all in geht.

Man sollte aber bei jedem einzelnen Trade eine kleine Risiko-Betrachtung machen: Nehmen wir mal an, wir gehen bei Shitcoin xyz, weils grad “to the mooooon!!!111” geht all in, und mit einem Dump verlieren wir 50% an Wert – jepp, kann passieren. Man betrachte nur die Kursverluste von STEEM seit 25.9.:

steem_kursbeispiel

Um insgesamt überhaupt Gewinn zu machen müssen wir nun den Wert des verbliebenen Portfolios mehr als verdoppeln.

Es wäre also sinnvoller, wenn wir bspw. nur 20% unseres Einkommens setzen. Ja, dann hätten wir 10% unseres Gesamtwertes verloren, aber würden den Wert unseres Portfolios nur noch um 11.1% anheben, um wieder einen Breakeven zu erreichen.

Ja, das bedeutet natürlich auch, dass die Gewinne entsprechend schrumpfen. Auch wenn es die Momente in Kryptosphere gab, in denen man mit der richtigen Menge Geld im richtigen Investment Millionen hätte machen können – sowas passiert nicht oft!

Und ja, unter Beachtung von Regel Nr. 1 kannst Du natürlich auch “all in” gehen – aber das gilt auch bei Pferde- und Würfelwetten. Wenn man konservativ investiert mögen die Gewinne kleiner sein, aber man betreibt dann nicht nur Glücksspiel.

4.) Betrachte unterschiedliche Timeframes

Der geneigte Leser wird gemerkt haben, dass ich in den letzten BTC-Kursanalysen immer auf drei Timeframes schaue: Mit stündlichen, vierstündigen und täglichen Kerzen. Hintergrund ist, dass man versucht, sich ein komplettes Bild über langfristige und kurzfristige Entwicklungen zu machen.

Auf 1D-charts (d.h. Charts mit täglichen Kerzen) würde man bei dem Beispiel die langfristige Entwicklung sehen, auf 240min-Charts (d.h. Charts mit vierstündigen Kerzen) die mittelfristige und auf 60min-Charts die kurzfristigen Entwicklungen. So kann man erkennen, ob ein Uptrend bzw. Downtrend solide ist oder nur etwas vergleichsweise kurzfristiges.

Eine derartige Sicht der Kursverläufe auf mehreren Ebenen kann einem nicht nur helfen, Kursverläufe zu bestätigen, sondern auch auf Kaufmöglichkeiten hinweisen. Nehmen wir in der Hinsicht an, dass der 1D-Chart bullish, der 240min-Chart jedoch bearish ist. Sofern der Langzeit-Trend hält hätte man damit eine wunderbare Möglichkeit gefunden, in eine Währung zu investieren.

Natürlich kann aus diesem kurzfristigen Trend ggf ein langfristiger werden. Deshalb lohnt es sich bei derartigen Trading-Strategien mit Stop-Losses zu arbeiten. Es wäre also empfehlenswert, entsprechend des 1D-Charts einen Stop-Loss einzutragen, bei dem man sich aus der Währung mit halbwegs geringen Verlusten wieder herauskaufen kann.

5.) Beobachte die Community

Schließlich noch ein letzter Tipp: Kurse, Trends und Indikatoren liefern auf jeden Fall Hinweise auf aktuelle oder aktuell entstehende Entwicklungen. Ich empfehle jedoch, auch auf bestimmten Foren, auf Twitter oder in die Chats bzw. Troll Boxen von Exchanges zu schauen.

Hier ist man oft wirklich an der Quelle: Man bekommt mit, ob bestimmte Währungen gerade viel diskutiert werden und kann dementsprechend zum einen ggf schnell reagieren, zum Zweiten einen Grund für gewisse Kursentwicklungen erkennen. Gerade bei Shitcoins ist es interessant, da es dort immer wieder vorkommt, dass eine kleine Handvoll Leute eine Währung mit “ to the MOOON!!!11” hypen wollen – was sich dann gerne als ein schlecht ausgeführtes Pump and Dump Scheme herausstellt.

Nicht, dass das primär schlecht ist – wenn man das weiß und gutes Scalp Trading praktiziert kann man da durchaus einen Profit draus machen (Aber hier sollte man auf jeden Fall Regel nummer eins beachten…).

So, das waren die Einsteigertipps. Ich hoffe, ich konnte dem einen oder anderen helfen. Ich finde Trading immer wieder spannend, man lernt neue Coins dabei kennen, lernt viel über Kursentwicklungen und freut sich, wenn man mal einen kleinen oder größeren Profit gemacht hat. Und so lange man Regel nummer eins beachtet ist es auch emotional nicht so aufreibend.

An der Stelle natürlich gesagt, dass ich auch selber noch gerne und viel lerne. Solltet ihr also Vorschläge haben – immer rein damit in die Comment-Section!

BTC-ECHO

Über Philipp Giese

Philipp GieseDr. Philipp Giese arbeitet nebenberuflich als Analyst für BTC-ECHO und ist auf die Bereiche Chartanalyse und Technologie spezialisiert. Zudem engagiert er sich aktiv für die Krypto-Community – sowohl online als zentraler Ansprechpartner im Slack-Channel von BTC-ECHO als auch offline als Speaker und Interviewer pflegt er stets den Austausch mit Startups, Entwicklern und Visionären. Der promovierte Physiker kann auf jahrelange Berufserfahrung als Projektleiter und technologischer Berater zurückgreifen. Philipp begeistert sich dabei seit vielen Jahren nicht nur für die technologische Dimension von Kryptowährungen, sondern auch für die dahinterliegende sozioökonomische Vision.

Bildquellen

  • eth_kursbeispiel: TradingView
  • steem_kursbeispiel: TradingView
  • Sprout growing on money pile of glass jar bank: © singkham, fotolila