Warum die Blockchain-Technologie (k)ein elitäres Projekt ist

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Die meisten Menschen können mit der Blockchain-Technologie nichts anfangen.Fehlt es dem Diskurs an Bodenhaftung? Einige Gedanken dazu.

Es wäre vermessen anzunehmen, dass ein Großteil der Menschen ein Interesse daran hätte, Institutionen und Mittler-Unternehmen abzuschaffen. Kostenreduktion, gestiegene Effizienz und Transparenz sind primär Sachargumente und können nur schwerlich langjährige Mechanismen, die Teil unseres sozioökonomischen Selbstverständnisses geworden sind, abschaffen.

Braucht es Treuhänder, Banken und Notare? Theoretisch mit Hilfe der Blockchain nicht mehr, praktisch aber sehr wohl. Der Grund ist geradezu trivial: Es ist der Mensch, innerhalb und außerhalb einer Institution oder eines Unternehmens, der oftmals gegen Eigenverantwortung und Autonomie ist. Unabhängigkeit und Selbstbestimmung, wie sie die Blockchain-Technologie bieten kann, insbesondere bei ökonomischen und politischen Fragen, sind oftmals nur von libertären Eliten ernsthaft gewollt.

Die meisten Menschen möchten mit einem Anlageberater aus Fleisch und Blut sprechen, auch wenn es inzwischen Anlagetools gibt, die oftmals bessere Finanzlösungen für den Kunden zusammenstellen als der Kundenberater. Wenn nicht mehr Menschen eine Dienstleistung erbringen, sondern beispielsweise nur noch Algorithmen in einer Dezentralen Autonomen Organisation oder Software auf Basis künstlicher Intelligenz, dann kann sich nicht mehr über den Anlageberater respektive den Intermediär beschwert werden. Die Personifizierung von Fehlern würde auf ein Minimum abgesenkt werden, da lediglich nur noch die weit entfernten Programmierer für Fehler verantwortlich gemacht werden können. Der Kunde wäre mehr als zuvor für seine Fehler verantwortlich. Wenn es keine Banken und Investmentbanker mehr gibt, auf die man schimpfen kann, müsste man die Fehler bei sich selbst suchen. Nicht gerade optimal, da die meisten Menschen bevorzugen andere für Fehlentscheidungen in die Mangel zu nehmen.

Laute oder stille Revolution?

Die Blockchain-Revolution wird in vielen Punkten eine sehr stille, für die meisten Menschen wenig sichtbare sein. Sie wird innerhalb der digitalen Revolution nur einen kleinen Platz einnehmen. Die Themen künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Robotik werden den öffentlichen Diskurs deutlich stärker bestimmen.

Es werden Prozesse im Hintergrund durch die Blockchain geändert, ohne das der Kunde es mitbekommt. Wenn demnächst, wie in Teilen schon an der NASDAQ passiert, Wertpapiertransaktionen über eine Blockchain abgewickelt werden, werden das außer einer handvoll IT-Spezialisten keiner merken.

Der Börsenhändler, sofern nicht bereits durch Algorithmen ersetzt, muss keinerlei Ahnung von der Blockchain haben – in der Handhabung wird sich für ihn kaum etwas ändern. Das gilt nicht nur für die Finanzbranche. Wenn bald Grundstücke auf einer Blockchain registriert werden, dann wird das bestenfalls einigen Menschen im Katasteramt von Interesse sein – der Grundstückseigentümer wird davon nichts mitbekommen.

Die intensive Auseinandersetzung wird vor allem auf der Ebene einzelner Abteilungen von Unternehmen und Institutionen geschehen, nicht aber im Privaten. Das ist nichts besonderes, gilt es doch für praktisch jedes technische oder komplexe Thema. Ein Großteil der Menschen nutzt täglich das Internet, aber nur ein Bruchteil ist wahrscheinlich in der Lage die technischen Basics zu erklären.  Aber auch im analogen Leben sieht es nicht anders aus: Viele Menschen haben einen Führerschein und fahren regelmäßig Auto, dennoch sind die wenigsten in der Lage zu erklären, wie ein Verbrennungsmotor funktioniert. “Nutzen” ist nicht mit  Verstehen gleichzusetzen, vor allem wenn es sich um eine abstrakte Technologie wie die Blockchain-Technologie handelt. Daher wird diese den meisten Menschen, die nicht gerade beruflich damit zu tun haben oder eine sonstige IT-Affinität haben, auch in Zukunft weitestgehend unbekannt bleiben.

Die Blockchain als Consulting-Tool

Für die Zukunft der Blockchain ist dieser Aspekt ziemlich irrelevant. Wenn sie Dinge besser kann als andere IT-Infrastrukturen, dann wird sie sich über kurz oder lang auch durchsetzen. In Teilen kann ihre Einführung mit einem Beratungsmandat einer Unternehmensberatung verglichen werden. Etwas salopp formuliert: Nachdem ein Unternehmen von einer Beratungsfirma beraten wurde, sollte es mehr Gewinne erwirtschaften als vorher, da Prozesse optimiert wurden und ggf. Personal abgebaut wurde. Merkt es der Kunde, wenn er ein Produkt von dem Unternehmen kauft? Nein, nicht wirklich. Nur weil sich beispielsweise ein Autokonzern von einer namhaften Beratung hat beraten lassen, wird der Kunde beim Autokauf nichts davon mitbekommen – wieso auch, es spielt für ihn als Konsumenten im Normalfall keine Rolle. Die allermeisten Menschen, sofern man das Thema nachhaltigen /ethischen Konsum ausklammert, interessieren sich in erster Linie für das Kosten- / Nutzen-Verhältnis und nicht für die Produktion im Hintergrund. Berührungspunkte sind für den Kunden also kaum da, wenn demnächst Logistikkonzerne ihre Waren über eine Blockchain verfolgenoder Behörden ihre Verwaltung darüber managen .

Das wahrscheinlichste Szenario ist, dass die Blockchain Institutionen und Unternehmen verschlanken wird. Sie wird sie aber nicht abschaffen – zumindest die meisten nicht, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Eine konsequente Umsetzung der Digitalisierung, egal ob durch Blockchan oder künstliche Intelligenz, bedarf eines gesellschaftlichen und institutionellen Kulturwandels. Die Überforderung ist bereits jetzt zu spüren und wird in den nächsten Jahren massiv zunehmen.

Kann die Trennung von Blockchain und öffentlicher Wahrnehmung auch negativ bewertet werden? Natürlich, aber das gilt für jede Entwicklung oder Errungenschaft. Diskurse über die Vor- und Nachteile der Blockchain-Technologie müssen geführt werden und umso mehr Menschen sich daran beteiligen, umso besser. Die Blockchain-Technologie hat Auswirkungen auf unser Leben, entsprechend notwendig ist eine Auseinandersetzung mit der Thematik.

Die Widersprüchlichkeit der Blockchain

Konsequent zu Ende gedacht ist die Blockchain-Technologie sehr widersprüchlich. Auf der einen Seite ist ihr Konzept der Selbstbestimmung und Autonomie, zumindest im Privaten, eher bei der digitalen Bohème zu verorten.  Auf der anderen Seite adressieren ihre Möglichkeiten die Schwächeren und Ärmeren in unserer Gesellschaft, insbesondere in den Entwicklungsländern. Schließlich profitieren diejenigen von der Abschaffung von Institutionen und Mittelsmännern am meisten, die zuvor keinen Zugang zu diesen hatten oder ausgenutzt wurden (siehe Bargeldtransferdienstleister wie Western Union). Der exklusive Zugang zu Dienstleistungen, z.B. Bank- oder Behördendienstleistungen, bleibt gerade in den Entwicklungsländern den ökonomisch und sozial Schwachen verwehrt. Mit der Blockchain könnte sich dies ändern, indem genau diese Menschen einen Zugang zu Dienstleistungen bekommen, die bislang von dem Wirtschafts- und Verwaltungssystem ausgeschlossen waren.

Über 2 Milliarden Menschen den Zugang zum Finanzsektor und globalen Handel zu ermöglichen ist alles andere als elitärer Wohlfeil – es ist eine der größten Entwicklungshilfen, die es je gab und in unserem eigenen wirtschaftlichen Interesse. Dezentrale Autonome Organisationen, als Hilfe zur Selbsthilfe, schließen keinen Menschen aufgrund seines Geschlechts, seiner Hautfarbe oder politischen bzw. ideologischen Gesinnung aus, wie es Behörden, insbesondere in autokratischen Staaten, gegebenenfalls machen. Bei einem Blockchain-Substitut werden Behörden- oder Geschäftsvorgänge durch Smart Contracts abgewickelt und sind nicht vom Willen des Sachbearbeiters / Beamten abhängig. Das Umgehen menschengeführter Institutionen kann zu einer Demokratisierung, gerade in den benachteiligten Regionen auf dieser Welt führen.  Diese haben die Blockchain zumindest nötiger als wir in Europa.

Disclaimer: Der Artikel spiegelt, losgelöst von den einzelnen Ansichten der BTC-ECHO-Redaktionsmitglieder, die persönliche Meinung des Autors wieder.

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