Blockchain, Warum Blockchain-Anwendungen nur selten aus der Pilotphase hinauskommen

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Warum Blockchain-Anwendungen nur selten aus der Pilotphase hinauskommen

Im Freitagskommentar geht es um die Frage, warum die wenigsten Blockchain-Pilottests den Sprung in die kommerzielle Praxis schaffen. Welche Rolle bestehende Unternehmensstrukturen dabei spielen, was Bitcoin mit der E-Mail zu tun hat und wieso man die Blockchain als eine reaktionäre Technologie bezeichnen kann.

Inzwischen haben sich viele große Unternehmen mit der Blockchain-Technologie auseinandergesetzt. Man hat unzählige Pilottests durchgeführt. Die meisten Tests basierten auf privaten Blockchain-Lösungen und wurden gemeinsam mit anderen Unternehmen im Rahmen eines Konsortiums durchgeführt. Der große Wurf, der ein Pilotprojekt zu einem kommerziellen Erfolg machte und die Prozesse in einem Unternehmen signifikant optimiert hat, blieb aus. Trotz Fortschritten wird, wenn es wirklich zum Einsatz einer Blockchain-Lösung kommt, nur sehr vorsichtig und in einem sehr abgesteckten Bereich agiert. Auch ist der Grad an Dezentralität dann sehr eingeschränkt und vor allem IT-Fachleute kritisieren nicht ganz ungerechtfertigt: Braucht es dafür wirklich eine Blockchain?

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Die Anforderungen an die Entwicklung einer Blockchain-Lösung könnten nicht höher sein. So schwierig es ist, Programmierer zu finden, die in der Lage sind, Blockchain-Infrastrukturen zu entwickeln, gibt es noch die Hürde mit den Smart Contracts. Ohne die in Programmcode gegossenen Verträge, gibt es keine sinnvoll funktionierende Blockchain-Anwendung. Das bedeutet wiederum, dass Programmierer und Juristen sehr eng zusammenarbeiten müssen. Eine Software ohne Fehler zu programmieren ist in der Praxis allerdings nur schwer möglich. Nun auch noch vertragliche Rechte zu integrieren, lässt verständlicherweise die Alarmglocken in vielen Rechtsabteilungen von Unternehmen klingeln. Die Folge ist Stillstand.

Gleichzeitig müssen wirtschaftliche Faktoren berücksichtigt werden, die mit den Unternehmenszielen der Managementebene einhergehen und ein Businessmodell erkennen lassen. Das Frustrationspotential in diesem maximal interdisziplinären Umfeld führt schnell dazu, dass Projekte nicht über ihre Testphase hinauskommen.

Im Spannungsfeld: zentrale vs. dezentrale Unternehmensstrukturen

Neben konzeptionellen Fehlern und mangelnder interdisziplinärer Absprache geht es um noch etwas viel Grundsätzlicheres. So macht es nur Sinn, eine Blockchain-Lösung zu implementieren, wenn das Umfeld von einer dezentralen Transaktionsabwicklung oder einem anderen der Blockchain-Technologie inhärenten Eigenschaft profitieren kann. Das Problem dabei ist, dass die Strukturen der meisten Unternehmen noch relativ zentralistischen und hierarchischen Organisationsmustern unterliegen. Möchte man nun einen Teilbereich dezentralisieren, bedeutet das, dass man eine Art Fremdkörper in das Organisationsgebilde einfügt. Das neue Blockchain-Puzzlestück eckt an die bisherigen Unternehmensprozesse und Strukturen an. Wer also Blockchain implementieren möchte, muss zu allererst die eigenen Strukturen im Unternehmen und in den einzelnen Abteilungen hinterfragen.


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Es braucht dabei eine ganzheitliche Betrachtungsweise, die alle Unternehmensstrukturen und Prozesse berücksichtigt. Ein Umstand, der viel Arbeit erfordert und auf viele Widerstände im Unternehmen trifft. Die Betrachtung der Blockchain-Technologie als isolierte Lösung beziehungsweise Werkzeug ist zum Scheitern verurteilt. Kaum eine andere Technologie ist so abhängig von ihrer Umgebung und ihrem Ökosystem wie die Blockchain-Technologie. Es ist daher ein massiver Trugschluss eine Blockchain-Integration mit einen Software Update zu vergleichen, das nur neu auf die Rechner einer Firma installiert werden muss. Bevor man also eine Blockchain-Lösung integriert, müssen alte Strukturen aufgebrochen und für dezentrale Strukturen geöffnet werden.

Smart Contracts: Komplexitätsgrad oft noch zu hoch

Damit eine Blockchain-Lösung zum erhofften Mehrwert führt, müssen im Vorfeld also einige Bedingungen wie ausreichend digitale Schnittstellen, ein klarer Rechtsrahmen, klare Abgrenzungen der Verantwortlichkeiten etc. erfüllt sein. Neben dem Grad an abzubildender Dezentralität muss man vor allem aber die Komplexitätsstufe von Smart Contracts berücksichtigen. Dieser Umstand erklärt den Erfolg der Bitcoin Blockchain.

Bei Bitcoin geht es ausschließlich darum, eine Kryptowährungseinheit, also den Bitcoin, von einer Adresse auf eine andere zu überweisen. Es gibt nur einen Use Case. Es braucht keine unzähligen Smart Contracts, da es eben nur um die Überweisung als Anwendungsfall geht. Das Gleiche ist zwar auch mit Ethereum, Stellar oder anderen Blockchain-Protokollen möglich. Doch liegt ihr Anspruch nicht in der Abwicklung von reinen Bezahlvorgängen. Nicht umsonst bezeichnet man Ethereum auch als eine Smart-Contract-Plattform. Es geht darum, Anwendungen zu programmieren, deren Transaktionen wiederum über die Ethereum Blockchain abgewickelt werden.

Die Komplexitätsstufe ist eine andere als bei Bitcoin. Aus diesem Grund war auch die erste große Anwendung des Internets die E-Mail und nicht eine Web-2.0-Plattform wie etwa Facebook. Damit viele der heutigen Pilotvorhaben kommerziell funktionieren, müssen wir – neben den grundsätzlichen Hausaufgaben – ein Ökosystem entwickeln, indem Smart-Contract-Anwendungen reibungslos durchgeführt werden können.

Blockchain als reaktionäre Technologie

Die Blockchain ist in erster Linie eine technologische Reaktion auf die immer digitaler werdende Marktwirtschaft. So ist es weniger die Blockchain-Technologie selbst, die aus sich heraus die (Wertschöpfungs-)Prozesse und Organisationsstrukturen verändert, sondern das Umfeld, das eine neue dezentrale Infrastruktur fördert und benötigt.

Die Oberbegriffe Digitalisierung und Globalisierung führen zu einer immer kleinteiligeren und internationaleren Vernetzung zwischen Menschen und Maschinen. Gemeinsam mit Technologien wie dem Internet der Dinge (Industrie 4.0) und Künstlicher Intelligenz werden smarte Beziehungen zwischen handelnden Akteuren hergestellt. Smart Mobility, Smart Home, Smart Fabric etc. skizzieren das Entstehen einer neuen Digital-Ökonomie. Diese Ökonomie definiert sich durch die intelligente Vernetzung und Automatisierung durch Einbeziehung maximal vieler Informationsquellen und Handlungsakteure. Ganz gleich, ob es sich um internetfähige Endgeräte wie smarte Sensoren oder dezentrale Handelsplätze für Rohstoffe handelt.

Ebenjenes neue Anforderungsprofil führt zu der Notwendigkeit einer sicheren und dezentralen Infrastruktur, ergo der Blockchain-Technologie. Den zukünftigen Grad an Vernetzung durch zentrale Infrastrukturen abzubilden, würde zu einer Limitierung der Interaktionen führen. Auch könnte das Marktpotential für eine bestimmte Dienstleistung nur unzureichend ausgenutzt werden. Zentralisierung würde insbesondere im Bereich der Datenökonomie zur Ausgrenzung vieler Marktteilnehmer und damit Informationen führen.

Jedoch ist aktuell die zentrale Steuerung der dezentralen in den meisten Fällen überlegen. Je ausgereifter Technologien wie das Internet der Dinge und Künstliche Intelligenz werden und einen neuen Grad an Vernetzung ermöglichen, desto eher wird der Einsatz einer Blockchain-Infrastruktur notwendig. Aber auch Strukturveränderungen wie die Energiewende führen zu einer Dezentralisierung unserer Infrastrukturen. So trägt die regenerative Energiegewinnung – z. B. die Solaranlage auf dem Reihenhaus – zu einer Dezentralisierung des Energiemarkts bei. Viele Blockchain-Projekte, die heute noch im Begriff des Scheiterns sind, dürften in den nächsten Jahren immer bessere Erfolgsaussichten haben.

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