Vom Wert des Lebens: Blockchain-Kunst von Kevin Abosch und Ai Weiwei

Quelle: PR/Studio Kevin Abosch

Vom Wert des Lebens: Blockchain-Kunst von Kevin Abosch und Ai Weiwei

Kevin Abosch ist immer noch im Bann der Blockchain gefangen. Bereits bei seinem Projekt I AM A COIN verwendete der irische Künstler das Konzept der Tokenisierung, um die gesellschaftliche Wertbestimmung von Kunstwerk und Individuum zu beleuchten. Mit dem chinesischen Exilkünstler Ai Weiwei hat Abosch nun einen prominenten Bruder im Geiste gefunden, um erneut die Fragen nach dem Wesen von Identität und dem Wert eines Lebens im Zeitalter der Digitalisierung – insbesondere im Lichte der globalen Flüchtlingskrisen – zu stellen. Für ihr Projekt „PRICELESS“ haben die beiden Künstler von der Ethereum-Blockchain Gebrauch gemacht – neuer ERC-20-Token inklusive. 

Eine der Kernfunktionen des Geldes ist die der Rechnungseinheit: Die Möglichkeit, Geld in kleinere Stückelungen zu unterteilen, erlaubt es, Dingen einen monetären Wert zuzuschreiben. Doch der Begriff der Werthaftigkeit überdehnt das Konzept des Geldes spätestens dann, wenn es um das Leben selbst geht. Wie viel ist ein Menschenleben wert? Wie ist es zu rechtfertigen, dass einerseits die Börsen dieser Welt Rekordläufe verbuchen, während andererseits Menschen aus ihrer Heimat vertrieben werden, an Grenzen abgewiesen werden, im Mittelmeer ertrinken?

Auf der Flucht

Abosch treiben diese Fragen um. Die Angewohnheit einer Gesellschaft, Menschen einen Wert zuzuordnen, könne verheerende Folgen haben, meint der Konzept-Künstler:

Von dem Moment an, in dem wir in diese Welt kommen, gibt es diejenigen, die versuchen, uns Wert zuzuschreiben. Sie werden sagen: ‚Der Junge da drüben steckt voller Potenzial‘ oder: ‚Das Mädchen ist wertlos.‘ Tatsächlich zeigt die Geschichte, dass ganze Gemeinschaften und Ethnien so stark abgewertet wurden, dass es sogar den Weg zum Völkermord geebnet hat.

Als Nachfahre von Auschwitz-Insassen hegt Abosch große Empathie für Menschen, die vor Gewalt und Unterdrückung fliehen müssen. Insbesondere die desaströse Lage der Rohingya in Myanmar hat ihn dazu bewegt, die Kollaboration mit Ai Weiwei anzustreben. Dieser hat sich zuletzt in seinem 2017 erschienenen Dokumentarfilm „Human Flow“ der Flüchtlingsthematik in 23 Ländern angenommen. Auf der Flucht sein – Ai kennt diesen Zustand aus eigener Erfahrung.

Weil mein Vater, Ai Qing, damals der berühmteste Dichter Chinas war, statuierte die Regierung ein Exempel an ihm. 1958 wurde meine Familie aus unserem Haus in Peking vertrieben und in die entlegenste Gegend des Landes verbannt – wir hatten keine Ahnung, dass dies der Beginn einer sehr dunklen, langen Reise war, die zwei Jahrzehnte dauern würde,

verriet er im Februar dem Guardian.

Doch auch in späteren Jahren hatte der Künstler mit Unterdrückung durch den chinesischen Staat zu kämpfen. Weshalb er, nach langem Warten auf eine Ausreisegenehmigung, 2015 Berlin zu seiner Wahlheimat gemacht hat.

Was ist „unbezahlbar“?

So perfide der Gedanke auch sein mag, ein menschliches Leben mit einem Preisschild zu versehen – Abosch hat beobachtet, dass für einige die Rede von der Unbezahlbarkeit eines Lebens in erster Linie das eigene und das der nächsten Angehörigen betrifft:

Während ich jedes menschliche Leben als unbezahlbar betrachte, scheint es, dass einige Menschen sich nur auf ihr eigenes Leben oder das Leben ihrer Freunde und Familien auf diese Weise beziehen können,

heißt es auf der Homepage des PRICELESS-Projekts. Abosch versucht gemeinsam mit Ai Menschen, die in materialistischen Kategorien denken, für die Frage nach der „Unbezahlbarkeit“ zu sensibilisieren.

Wir sagen, ein altes Artefakt ist auch unbezahlbar, aber sicher nicht so unbezahlbar wie das menschliche Leben, oder? Die Gesellschaft hat ein kompliziertes Verhältnis zu dem, was unbezahlbar ist.

Frei nach dem Motto „Tokenize ALL the things“ haben sich Ai und Abosch dazu entschlossen, vermeintlich Unbezahlbares mittels Tokenisierung zu quantifizieren und damit käuflich zu machen.

Zum Verkauf: Unbezahlbare Momente

Der zu diesem Zweck ins Leben programmierte PRICELESS-Token (PRCLS) ermöglicht dem kunstinteressierten Käufer, an privaten Momenten von Ai und Abosch im wahrsten Sinne „Anteil“ zu nehmen. Zu diesen „unbezahlbaren Momenten“ zählen Erlebnisse wie „ein sorgloser Spaziergang durch die Schönhauser Allee“ oder das gemeinsame Teetrinken. Diese flüchtigen Momente mögen teilweise banal erscheinen, sind für Ai Weiwei und Kevin Abosch jedoch wertvolle Grundbausteine der Conditio Humana.

Jeder dieser buchtstäblich preislosen Momente wird durch eine Adresse auf der Ethereum-Blockchain repräsentiert. Denn auf jeder dieser Adressen liegt ein kleiner Betrag an PRCLS-Token. Der Clou: Es wurden lediglich zwei PRCLS-Token geschaffen. Außerdem soll einer der beiden Token zu keinem Zeitpunkt zum Verkauf stehen.

Nur zwei ERC-20 Token wurden für das Projekt erstellt, aber da sie auf 18 Dezimalstellen teilbar sind, könnten diese virtuellen Kunstwerke potentiell an Milliarden von Menschen verteilt werden […] Einer der beiden PRICELESS Token ist zu keinem Preis erhältlich. Der verbleibende Token wird in eine Million Bruchstücke aufgeteilt und einzelnen Sammlern und Institutionen zur Verfügung gestellt.

Die Frage nach der Wertbestimmung

Diese eine Million Bruchstücke können ihrerseits geteilt werden – bis zu einem Quintillionstel PRCLS. Die Künstler halten Größe und Anzahl für einen Maßstab der Wertbestimmung, der zu hinterfragen ist. So sei es auch in der Welt der Kunst nicht unüblich, dass große Werke einen höheren Preis erzielen als kleinere. Folglich sollte ein größeres Bruchstück von PRICELESS auch einen höheren Wert haben. So weit, so marktwirtschaftlich nachvollziehbar. Doch wie verhält es sich mit der Wertbestimmung, wenn einer der beiden Token gänzlich unverfügbar ist? Wie bestimmt man dann den Wert des anderen, der theoretisch der ganzen Welt zugänglich ist?

Um darauf eine Antwort geben zu können, muss sich jeder zunächst einer viel grundlegenderen Frage stellen: Wie und warum messen wir Dingen einen Wert zu?

Menschen an diesen Punkt der Selbstreflektion zu bringen, ist das erklärte Ziel PRICELESS.

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