Seyfi Günay: „Großteil der Geldwäsche geschieht noch immer in bar“

Quelle: PR/LexisNexis Risk Solutions

Seyfi Günay: „Großteil der Geldwäsche geschieht noch immer in bar“

Seyfi Günay, Direktor für Finanzkriminalität und Terrorismus bei LexisNexis Risk Solutions, ist Experte für Anti-Geldwäsche-Maßnahmen und unterstützt Finanzinstitute in Europa, im Nahen Osten und Afrika dabei, effektive Risikomanagement-Systeme aufzubauen. Im Interview mit BTC-ECHO sprach er über die Rolle von Kryptowährungen im internationalen Terrorismus und bei Finanzdelikten.

Herr Günay – Sie sind Direktor für Finanzkriminalität und Terrorismus bei LexisNexis Risk Solutions. Auf welche Art von Anti-Terrorismus-Maßnahmen sind Sie spezialisiert?

Ich arbeite jeden Tag mit Unternehmen zusammen, die sich an strenge nationale und internationale Vorschriften zu Finanzkriminalität wie Terrorismus, Geldwäsche und Steuerhinterziehung halten müssen. Diese Unternehmen sind in vielen verschiedenen Branchen tätig, z. B. in der Industrie, im E-Commerce-Sektor und im Bankwesen. Das Bankensystem, vielleicht mehr als andere Branchen, steht im Mittelpunkt der Finanzkriminalität, weil Kriminelle Geld bewegen müssen, um ihre Verbrechen durchführen zu können.

Personen, die innerhalb des Bankensystems und insbesondere in Compliance-Abteilungen arbeiten, sind Entscheidungsträger und müssen nicht nur in der Lage sein, einen Überblick über die riesigen Datenmengen, mit denen sie tagtäglich konfrontiert werden, zu behalten. Genauso wichtig ist es zudem, Informationen schnell und effizient zu bewerten, um so verdächtige Personen oder Institutionen im System rasch herauszufiltern – und da komme ich ins Spiel.

Die Anti-Terrorismus-Maßnahmen, die ich in Deutschland beziehungsweise in ganz Europa, im Nahen Osten und Afrika leite, basieren auf Technologie und fortschrittlicher Analytik. Technologielösungen in Kombination mit Datensätzen und Analysetechniken helfen Compliance-Analysten, alle Informationen, mit denen sie konfrontiert werden, einzuordnen und zu verstehen, sodass sie bessere Entscheidungen über die Identität und Absicht eines Verbrauchers oder Unternehmens treffen können.

Was bedeutet Terrorismus für Sie?

Terrorismus zielt darauf ab, durch Gewalttaten Angst zu verbreiten, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen – koste es, was es wolle. Im Grunde funktionieren Terror-Organisationen wie große Unternehmen und sind als solche ebenfalls auf das Bank- und Finanzsystem angewiesen, um beispielsweise Gelder zu transferieren.

Was sind Ihrer Meinung nach die Top 3 Einnahmequellen im Terrorismus?

Eine Terrororganisation braucht, wie legitime Unternehmen auch, Kapital, um zu überleben. Geld ist unter anderem nötig, um Aktivisten zu bezahlen, Trainingslager zu finanzieren und Waffen zu erwerben.

Aus meiner Sicht stützt sich die Mehrheit terroristischer Organisationen bei der Finanzierung ihrer illegalen Aktivitäten auf drei Haupteinnahmequellen: Spenden, Drogenproduktion und -handel sowie Entführung und Lösegelderpressung. Ölhandel, Erzabbau und Schmuggel stellen weitere Einnahmequellen dar.

Haben Sie in Ihrem Unternehmen eine eigene Abteilung für Kryptowährungen?

Anstatt einer separaten Abteilung, die sich ausschließlich auf Kryptowährungen spezialisiert, liegt unser Fokus darauf, unseren Kunden Technologielösungen, fortschrittliche Verbindungstechnologien und Daten zur Verfügung zu stellen, um verdächtige Personen ausfindig zu machen. Banken, Telekommunikationsfirmen, E-Commerce-Unternehmen sowie FinTechs und Kryptobörsen nutzen unsere Technologie, um Cyberkriminalität und Betrug sowie Finanzkriminalität und Terrorismus zu stoppen.

Kryptobörsen stehen momentan unter anderem deshalb im Fokus der Öffentlichkeit, weil sich viele Nutzer nach denselben Kontrollmechanismen sehnen, wie sie auch im Bankensektor vorliegen. Der Aufbau eines ähnlich komplexen Kontrollsystems ist für den Erfolg der Kryptowährungsindustrie von wesentlicher Bedeutung. Gelingt es Kryptobörsen jedoch, Kontrollmaßnahmen auf Bankenniveau einzuführen, sehe ich keinen Grund, warum die Kryptowährungsindustrie nicht in der Lage sein sollte, ihr volles Potenzial zu entfalten.

Gibt es Ihrer Meinung nach seit dem Aufkommen von Kryptowährungen einen Zuwachs an Geldwäsche?

Nach Angaben unseres Partnerunternehmens Elliptic, einer Blockchain-Analyse-Firma, hat sich die Anzahl der Nutzer, die ihre Bitcoin an sogenannte Bitcoin Mixer schicken, um so ihre Anonymität zu wahren, zwischen 2013 und 2015 verfünffacht. Wirft man jedoch einen genaueren Blick auf die tatsächliche Menge gewaschener Bitcoin, stellt sich heraus, dass Geldwäsche im Kryptobereich weniger als ein Prozent aller Transaktionen ausmacht, die von Crypto-to-Cash-Convertern durchgeführt werden.

Im Allgemeinen setzen Kriminelle bei Geldwäsche immer noch bevorzugt auf Fiatgeld, also herkömmliche, offiziell anerkannte Währungen wie Euro und US-Dollar. Das heißt jedoch nicht, dass Kryptobörsen sich entspannt zurücklehnen können, wenn es um die Umsetzung von AML (Anti Money Laundering)-Maßnahmen geht. Blockbid, eine australische Kryptobörse, hat beispielsweise vor Kurzem Maßnahmen ergriffen, um effizient gegen Betrüger und Geldwäscher vorgehen zu können und zeigt dadurch, dass sie sich der Risiken bewusst ist, die mit Bitcoin & Co. einhergehen.

Kryptowährungen stehen immer wieder im Verdacht, für Geldwäsche und die Finanzierung von Terrorismus verwendet zu werden – wie gut eignet sich Ihrer Meinung nach Bitcoin für Geldwäsche?

Ebenso wie im traditionellen Bankensektor lassen sich auch im Kryptoraum illegale Finanzierungaktivitäten wie Betrug, Marktmanipulation und Geldwäsche nicht vermeiden. Transaktionen mit Bitcoin bieten jedoch – entgegen der landläufigen Meinung – keine vollständige Anonymität, sondern hinterlassen digitale Spuren. Due-Diligence-Maßnahmen können in diesem Zusammenhang dazu beitragen, illegale Finanzierungen zu verhindern. So werden Bitcoin-Transaktionen beispielsweise in öffentlich einsehbaren Ledgern erfasst, die den Einsatz von Endgeräten wie Smartphones oder Tablets erfordern. Geraten diese in die falschen Hände, ist es möglich, abgeschlossene Transaktionen und Aktivitäten zu rekonstruieren.

Tatsache ist jedoch, dass der Großteil von Geldwäsche nach wie vor über Papiergeld erfolgt. Transaktionen mit „herkömmlichen“ Währungen sind nicht nur schwerer nachzuverfolgen, sondern teilweise auch einfacher durchzuführen. Wird beispielsweise eine Tasche voller Bargeld an einer Straßenecke übergeben, gibt es – je nach Lokalität – wenig bis gar keine Aufzeichnungen über diese Geldbewegung.

Wie sieht es mit anonymen Coins wie Monero, ZCash oder Dash aus?

Kryptowährungen, die nach völliger Anonymität streben und bestimmte grundlegende Kontrollen vermissen lassen, stellen natürlich ein größeres Risiko für Terrorismusfinanzierung, Betrug, Geldwäsche und andere Formen von Finanzkriminalität dar. Monero hat sich seit der Einführung im Jahr 2014 beispielsweise den Ruf erworben, die Kryptowährung mit dem höchsten Anonymitätsgrad zu sein. Im Gegenzug hat die Krypto-Zahlungsplattform Dash aufgrund ihrer Benutzerfreundlichkeit und niedrigen Gebühren an Popularität gewonnen.

Das weist auf die zunehmende Bedeutung bankgerechter AML-Kontrollen für Transaktionen mit Kryptowährungen hin. Geeignete Kontrollmechanismen können zudem dazu beitragen, virtuelle Währungen attraktiver für Verbraucher zu machen und sie als akzeptiertes Zahlungsmittel zu etablieren.

Wie stehen Sie zu einem Verbot von Kryptowährungen – könnte man Ihrer Meinung nach die Probleme damit angehen?

Obwohl sie noch sehr jung ist, hat die Krypto-Industrie das Potenzial, ein florierender und wichtiger Wirtschaftszweig zu werden. Ein striktes Kryptowährungsverbot könnte daher ein Schritt in die falsche Richtung sein. Effektive Risikostrategien und Risikomanagementsysteme sowie eine offene und kooperative Zusammenarbeit mit den Aufsichtsbehörden sind im Zweifelsfall besser geeignet, um die mit Kryptowährungen verbundenen Risiken zu bewältigen.

Zu Ihrem Geschäftsmodell bei LexisNexis gehören Big-Data-Analyse, sowie patentiertes Identity Management – haben sie in Zukunft vor, die Blockchain-Technologie für Ihr Unternehmen zu nutzen?

Wir glauben, dass die Blockchain-Technologie in Bereichen wie Betrugsbekämpfung, Know Your Customer, Sanctions Screening und im Zahlungsverkehr für wegweisende Veränderungen sorgen wird und arbeiten sowohl intern als auch mit Partnern wie Blockbid, einem der Vorreiter in der Blockchain-Industrie, an der Entwicklung robuster Lösungen in diesem Bereich.

Generell besteht unser Ziel darin, Unternehmen fit für eine Zukunft zu machen, die stark von der Blockchain-Technologie geprägt sein wird. Wir wollen sicherstellen, dass Firmen nicht nur die neuesten regulatorischen Anforderungen erfüllen, sondern auch Blockchain-bedingte Herausforderungen erfolgreich meistern können.

Ihr Unternehmen analysiert Daten aus über 100 Ländern und mehr als 270 Millionen Transaktionen in der Stunde – welche Rolle spielt hier der Datenschutz?

LexisNexis Risk Solutions nimmt Datensicherheit und Datenschutz ernst. Unser Ziel ist es, im verantwortungsvollen Umgang mit Informationen die Führung zu übernehmen. Wir verfügen über ein umfassendes Risikomanagementprogramm für Datenschutz und Informationssicherheit. Darüber hinaus hat der Schutz der Privatsphäre und die Sicherheit der Informationen in unseren Datenbanken oberste Priorität. Dies spiegelt sich auch in unseren strengen Datenschutz- und Sicherheitsrichtlinien wider, die dafür sorgen, dass die Daten geschützt sind und nicht ohne Genehmigung abgerufen oder verwendet werden können.

BTC-ECHO

Anzeige

Ähnliche Artikel

Podcast: IOHK Mathematiker erklärt Cardano
Podcast: IOHK Mathematiker erklärt Cardano
Altcoins

Cardano hat eine ähnliche Vision wie Bitcoin: Finanzdienste für jedermann.

Advents-Podcast: ConsenSys – Unternehmenskultur im globalen Organismus
Advents-Podcast: ConsenSys – Unternehmenskultur im globalen Organismus
Interview

ConsenSys ist eines der größten und erfolgreichsten auf Blockchain fokussierten Start-ups.

Prinz Michael von Liechtenstein im Interview: „Jetzt kommt eine Enttäuschungsphase“
Prinz Michael von Liechtenstein im Interview: „Jetzt kommt eine Enttäuschungsphase“
Interview

Prinz Michael von Liechtenstein ist unter anderem Gründer und Chairman des in Vaduz ansässigen geopolitischen Beratungs- und Informationsdienstes Geopolitical Intelligence Services AG.

Newsletter

Die besten News kostenlos per E-Mail

Finde einen Job mit Zukunft

    Aktuell

    Bitwala: Blockchain Banking beginnt
    Bitwala: Blockchain Banking beginnt
    Krypto

    Bitwala hat heute, am 12. Dezember, den Startschuss für das Onboarding ihres Blockchain-Kontos gegeben.

    Blockstream veröffentlicht Blockchain Explorer Software, Esplora
    Blockstream veröffentlicht Blockchain Explorer Software, Esplora
    Bitcoin

    Blockstream veröffentlichte am 6. Dezember 2018 die Software hinter ihrem neuen Blockexplorer.

    Die Lage am Mittwoch: Bitcoin à la carte
    Die Lage am Mittwoch: Bitcoin à la carte
    Kolumne

    TenX lanciert die Krypto-VISA-Karte, während Konkurrent MasterCard ein Patent für einen Bitcoin-Tumbler anmeldet.

    Hochbegehrt, rar gesät: So findet man die besten Blockchain-Entwickler
    Hochbegehrt, rar gesät: So findet man die besten Blockchain-Entwickler
    Szene

    Kinderschuhe hin, Kinderschuhe her: Die Entwicklungen im Blockchain-Sektor legen auch in einem angeschlagenen Krypto-Markt keine Pause ein, im Gegenteil.

    Angesagt

    UNICEF vergibt 100.000 US-Dollar an Blockchain-Start-ups
    Funding

    Im Januar rief das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen einen Wettbewerb aus, bei dem sich humanitär orientierte Blockchain-Start-ups um Finanzmittel durch den UNICEF bewerben konnten.

    KingMiner: Der neue König des Cryptojacking
    Altcoins

    Das Cybersecurity-Unternehmen Check Point legt in einem Research-Artikel die Erkenntnisse über den neusten Cryptojacker offen.

    Breaking: TenX lanciert Kreditkarte
    Krypto

    In einem YouTube-Statement gab TenX-Gründer Julian Hosp den Startschuss für die lang ersehnten Kreditkarten.

    Bitmain schließt Forschungszentrum in Israel
    Unternehmen

    Bitmain sieht sich aufgrund sinkender Umsätze dazu gezwungen, ein Forschungszentrum in Israel zu schließen.