Im Währungslabor: Facebooks GlobalCoin zwischen Bitcoin und Sonderziehungsrechten

Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 4 Minuten

Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. An der Blockchain-Technologie faszinieren ihn vor allem die langfristigen Implikationen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

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Es vergeht keine Woche, in der nicht Informationen, mal offiziell, mal inoffiziell, über die Kryptowährung von Facebook herauskommen. Das wahrscheinlich widersprüchlichste Krypto-Projekt in 2019 wird nach neusten Insiderinformationen einen Stable Coin herausbringen, der nicht nur an eine, sondern an mehrere Fiatwährungen gebunden ist. Der sogenannte GlobalCoin will demnach seinem Namen gerecht werden und sich nicht von der Währungspolitik einer einzelnen Volkswirtschaft abhängig machen. Warum deutlich mehr als Währungskalkül dahinterstecken könnte und sich der GlobalCoin zur einer neuen Reservewährung entwickeln kann.

Schenkt man den Insiderinformationen Glauben, dann wird der GlobalCoin von Facebook aus mehreren größeren Fiatwährungen bestehen. Gut umgesetzt dürfte die Volatilität damit niedriger sein als von Euro und US-Dollar. Trotz der nach wie vor hohen Wechselkursstabilität des US-Dollars ist der Bedeutungsverlust als globale Leitwährung kaum aufzuhalten. Immer weniger Staaten wollen das globale Währungsmonopol, wie beispielsweise beim Öl-Handel, akzeptieren. Ein Wechsel zum Euro oder gar Renminbi ist hingegen weder zeitgemäß noch sinnvoll in einer globalisierten und digitalen Ökonomie.

Privatwirtschaftliche Währungen als Kompromiss?

Als Alternative zu staatlich institutionalisierten Fiatwährungen könnten privatwirtschaftlich organisierte Krypto-Fiatderivate dienen. Diese bringen zwar auch wieder eigene Konflikte und Nachteile mit sich, nur eben andere als traditionelle Fiatwährungen. Der Vorteil eines GlobalCoin von Facebook wäre nicht der, dass er ein grundsätzlich besseres oder deutlich dezentraleres Finanzsystem verkörpert, aber sehr wohl eine Alternative zu nationalen Währungskonzepten darstellt. Vorteile eines Krypto-Währungskorbes wären unter anderem:

  • geringere Wechselkursschwankung und Notenbankunabhängigkeit als bei einzelner Fiatwährung
  • Reduzierung von Inflationsrisiken und Ausfallrisiken einzelner Volkswirtschaften
  • Entpolitisierung des internationalen Geldverkehrs (sogenannter Währungskrieg kann abgemildert werden)
  • bessere Verfügbarkeit für Menschen in Ländern mit eingeschränkter Bankeninfrastruktur (für eine Kryptowährung braucht es kein Bankkonto)

Die Idee eines Währungskorbes ist dabei kein Novum. Das Neue ist, dass ein Währungskorb von einem privatwirtschaftlichen Akteur via Token und einem Ökosystem von über zwei Milliarden Menschen ausgeht. Diese Implikationen sind es, die vieles auf den Kopf stellen können.

Das Silicon Valley bleibt unter sich: PayPal, Uber & Co. fungieren als Netzwerkknoten


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Auch wenn die Kryptowährung von Facebook mit vielen Vorteilen daherkommen kann, muss einem bewusst sein, dass dies praktisch nichts mit Bitcoin und seinem Konzept der Dezentralität zu tun hat. Die Kryptowährung wird allen Informationen nach nur wenig dezentral sein. So sollen 100 Netzwerkknoten (Nodes) aufgesetzt werden, die für die Transaktionsabwicklung im Netzwerk zuständig sind. Je Node sollen Lizenzgebühren von 10 Millionen US-Dollar fällig werden. Dabei ist noch nicht mal klar, wie die Incentivierung der Nodes aussehen und wer diese betreiben soll. Schließlich sollen die Transaktionen mit dem GlobalCoin laut Facebook umsonst sein. Wie am 13. Juni bekannt wurde, sollen unter den Node-Betreibern große amerikanische Konzerne sein. Neben Uber und PayPal sollen auch die Kreditkartenunternehmen Visa und MasterCard zu den Node-Betreibern gehören. Die Konzentration auf amerikanische Großkonzerne dürfte gerade im asiatischen Raum für wenig Begeisterung sorgen. Allerdings ist hier Facebook sowieso kaum vertreten bzw. in China nicht aufrufbar.

Auch wenn die Dezentralität vor allem innerhalb des Facebook-Ökosystems und weniger außerhalb stattfindet, ist der GlobalCoin als Fiatwährungsderivat ein extrem spannendes Experiment mit unklarem Ausgang. So könnte er nicht nur zur Zahlungsabwicklung innerhalb des Ökosystems herhalten, um z. B. via Messenger Geld zu versenden oder Produkte zu erwerben, sondern auch als Investmentvehikel, um beispielsweise die Cash-Position in einem Investmentfonds zu erweitern.

GlobalCoin: Eine Provokation an das staatliche Geldmonopol?

Während Bitcoin seine Existenzberechtigung durch die Abwesenheit einer staatlich-zentralen Geldpolitik gewinnt, versucht Facebook den Spagat. Man „kooperiert“ mit dem Fiatgeldsystem, um von den Vorteilen zu profitieren, wobei man gleichzeitig eigene Spielregeln implementiert. Genauso wie Staaten Gold oder sogenannte Sonderziehungsrechte als traditionelles Reservemedium halten, könnte auch ein GlobalCoin langfristig eine ähnliche Funktion gewinnen.

Die Sonderziehungsrechte wurden in einer internationalen Währungsreform 1969 durch den Internationalen Währungsfonds (IWF) geschaffen. Dieses „Weltgeld“ wird seitdem bargeldlos auf Sonderkonten des IWF geführt, um ausreichend Liquidität für das internationale Finanzsystem vorzuhalten und als Verrechnungseinheit zu dienen. Dieser Währungskorb bzw. die Sonderziehungsrechte bestehen aktuell aus US-Dollar, YEN, Euro, britisches Pfund und Renminbi.

Auch wenn wir uns hier im Bereich der Spekulation bewegen, wäre es naheliegend, wenn der Währungskorb, auf dem der GlobalCoin aufbaut, eine ähnliche Zusammensetzung hat. Anstatt einer von internationalen Institutionen geschaffenen Spezialwährung mit Sonderfunktionen auf governmentaler Ebene, hätte man eine ähnlich gelagerte Weltwährung mit privatwirtschaftlichen Eigenschaften und Zugang. Die Konfliktlinie zwischen dezentral und zentral wird der GlobalCoin im internationalen Finanzsystem dabei kaum verschieben. Sehr wohl wird er aber die Frage aufwerfen, inwiefern das Geldmonopol in der Hand öffentlicher Institutionen sein muss. Sicherlich werden Staaten den GlobalCoin vorerst nicht als Reservewährung akzeptieren, auch wenn er theoretisch notwendige Eigenschaften dafür mitbringt. Die Adaption als Reservewährung wird, sofern das Projekt zu einem Erfolg wird, von Unternehmen und Konsumenten vorangetrieben.

Auch wenn noch nicht klar ist, wie der GlobalCoin im Detail konzipiert ist, ist klar, dass die großen Internetgiganten aus dem Silicon Valley zu den führenden globalen Finanzdienstleistern werden wollen. Eine eigene datengetriebene Krypto-Notenbankpolitik kann sich da als sehr hilfreich erweisen.


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