Für eine Hand voll Ether – So leicht kann man ICO-Ratings kaufen

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Für eine Hand voll Ether – So leicht kann man ICO-Ratings kaufen

Insbesondere Neueinsteiger und unerfahrene Investoren vertrauen auf ICO-Ratingplattformen, wenn sie nach Informationen für ihre Investmententscheidung suchen. Unter Branchenkennern genießen viele Ratingplattformen jedoch längst einen zweifelhaften Ruf. Immer wieder steht der Verdacht im Raum, dass die Experten-Ratings dort mitnichten unabhängig sind, sondern von den ICOs gekauft werden können. Doch ist es wirklich so einfach, ICO-Ratings zu kaufen und damit Investoren hinters Licht zu führen? Wir haben uns auf Spurensuche begeben – mit verheerenden Ergebnissen.

Disclaimer: Der folgende Text stammt von der ICO-Ratingagentur Alethena. BTC-ECHO hat die Angaben nach bestem Wissen überprüft und den Text kuratiert, kann aber keine Garantie für die Richtigkeit der getroffenen Aussagen geben.

Wir glauben daran, dass Kryptowährungen unsere Wirtschaft und Gesellschaft besser machen können. Doch wir glauben auch daran, dass die gegenwärtigen Exzesse auf dem ICO-Markt schädlich für den einzelnen Investor wie auch für das gesamte Ökosystem sind. Deshalb haben wir Alethena gegründet. Alethena ist eine hundertprozentig objektive und unabhängige ICO-Ratingagentur, die Investoren mit vertrauenswürdigen Informationen versorgt. Gegenwärtig führen wir unseren ICO durch. In diesem Zuge haben wir – wie jeder andere ICO auch – genauer geschaut, wie ICO-Marketing gegenwärtig funktioniert. Immer wieder sind wir dabei auf Intransparenz, dubiose Machenschaften und Betrug gestoßen. Dies hat uns nicht nur darin bestärkt, dass es endlich transparente und unabhängige Ratings braucht, sondern auch darin, dass wir aufdecken wollen, wie dysfunktional und betrügerisch der ICO-Werbemarkt derzeit tatsächlich funktioniert. Deshalb haben wir uns auf Spurensuche begeben.

„ICO ratings from top investors and experts“ – so wirbt ICObench, eine der bekanntesten ICO-Ratingplattformen, auf ihrer Website um das Vertrauen von Investoren auf der Suche nach Informationen. Ein hehrer Anspruch. Doch wie vertrauenswürdig und unabhängig sind die Ratings, die über solche Plattformen vergeben werden, tatsächlich? Schon ein genauerer Blick auf die Website von ICObench und ähnlichen Rating-Anbietern zeigt, dass die Sichtbarkeit der ICO-Ratings dort mitnichten unabhängig ist, sondern von der Brieftasche des jeweiligen ICOs abhängt. ICObench bietet ICOs etwa sogenannte Premium Listing Services an: Gegen einige Bitcoin (je nachdem wie lange der Service gebucht wird), können ICOs sich so eine Top-Platzierung in der ICO-Übersicht kaufen, werden im Newsletter gefeatured und werden zusätzlich auf den Profilseiten ihrer Wettbewerber platziert. Gleichzeitig werden diese Wettbewerber von der Platzierung auf der Profilseite des bezahlenden ICOs ausgeschlossen.

Die Sichtbarkeit eines ICOs hängt somit nicht an der Qualität des Experten-Ratings, sondern einzig daran, wie viel Geld er bereit war, für eine Premium-Platzierung zu bezahlen. Gekennzeichnet sind diese gekauften Top-Platzierungen jedoch nicht. Für den unerfahrenen Nutzer, der nach validen Informationen für seine Investmententscheidung sucht, entsteht so ein verzerrtes Bild der Realität. Nicht wenige Nutzer werden einen hervorgehobenen ICO irrtümlicherweise für eine Empfehlung der Ratingplattform halten und auf dieser Basis eine Investmententscheidung treffen. Hier wird klar, dass die meisten Rating-Plattformen nichts anderes als Marketing-Tools sind, die unter dem Gewand vermeintlich seriöser Experten-Ratings Sichtbarkeit an den Meistbietenden verscherbeln. Schon dies allein ist ein mindestens dubioses Geschäftsgebaren, das die Intransparenz im ICO-Markt befeuert und Investoren hinters Licht führt – doch es wird noch wesentlich schlimmer.

Dieses Experiment zeigt: So einfach kann man Experten-Ratings kaufen

Befasst man sich mit der Kritik am gegenwärtigen ICO-Ökosystem, so fallen immer wieder zwei Begriffe: Wilder Westen und Goldgräberstimmung. Und tatsächlich sind diese Beschreibungen zutreffend, wenn man zum einen den weitgehend unregulierten, in Teilen rechtsfreien Raum betrachtet, in dem ICOs um die Gunst ihrer Investoren buhlen, und andererseits auf die enormen Multimillionen-Summen schaut, die in den letzten Monaten in unzählige ICOs geflossen sind. Diese fehlende Transparenz und Regulierung sowie die enormen Summen, die im Spiel sind, entfachen dabei inzwischen Exzesse, die nicht nur die Grenzen des guten Geschmacks überschreiten, sondern de facto Investorenbetrug darstellen, wie folgendes Experiment zeigt.

In der Krypto-Community ist es längst ein offenes Geheimnis, dass sogenannte Experten-Ratings häufig käuflich erworben werden und entsprechend mitnichten unabhängig sind. Um zu überprüfen, ob es tatsächlich so einfach ist, vermeintliche Experten-Ratings zu kaufen, haben wir einen ICO auf ICObench registriert. Kurz nach der Registrierung auf ICObench schrieb uns ein gewisser Vagiz via Telegram und bot uns an, uns gegen Bezahlung positive Ratings zu verschaffen.

Ein Experten-Rating sollte 500 US-Dollar kosten. Nach kurzer Verhandlung einigten wir uns schließlich auf 800 US-Dollar für zwei Ratings. Im Gespräch mit Vagiz konnten wir zudem festlegen, mit wie vielen Sternen die Experten unseren ICO bewerten sollten.

Nachdem Vagiz uns mitteilte, dass die beiden Ratings auf ICObench erschienen sind, bezahlten wir die vereinbarten 800 US-Dollar in Ether. Nach Abwicklung der Zahlung versuchte Vagiz, uns weitere Experten-Ratings zu verkaufen.

Schließlich bot er uns sechs weitere Ratings zum Preis von jeweils 300 US-Dollar an.

Wir kauften hiervon nochmals ein Rating zu 0,56 ETH. Unser ICO erhielt nun insgesamt drei ausgesprochen positive Experten-Bewertungen, die den Nutzern, die auf ICObench nach vertrauenswürdigen Informationen suchten, allesamt ein völlig falsches Bild vermittelten – Kostenpunkt: Gut 1.000 US-Dollar. Ein Klacks verglichen mit den Summen, die gegenwärtig in der Kryptowelt zirkulieren.

Es wird noch schlimmer

Vagiz war nicht der einzige, der via Telegram versuchte, uns Experten-Ratings zu verkaufen. Kurz nach unserer Registrierung bei ICObench schrieb uns zudem ein gewisser John Smith, der uns auf unser mittelmäßiges Rating bei ICObench aufmerksam machte und uns seine Hilfe anbot.

Die Hilfe von John Smith sollte 1,5 Ether pro Experten-Rating kosten und ließ sich schließlich noch auf 1 Ether herunterhandeln.

Im Telegram-Chat mit John Smith wollten wir überprüfen, ob wir noch mehr Einfluss auf die gefälschten Ratings nehmen können, indem wir den Rating-Text, den die Experten veröffentlichen, vorgeben.

John Smith bejahte und wir schickten ihm einen extrem positiven Rating-Text, den wir gerne über uns lesen wollten. Dass die Anfangsbuchstaben der insgesamt vier Paragraphen das Wort S-C-A-M ergaben, fiel John Smith nicht auf.

Kurz darauf veröffentlichte ein gewisser Stephanos Constantinou ein Rating mit exakt dem Text, den wir vorgegeben hatten.

Fazit

Es ist erschreckend, wie einfach es ist, ICO-Ratings von vermeintlichen Experten zu kaufen. Ob und inwieweit Vagiz oder John Smith eine Verbindung zu ICObench – der Plattform, auf der die Ratings erschienen sind – haben, konnten wir nicht nachweisen. Insofern ist ICObench aus rechtlicher Perspektive wohl kein Betrug zu beweisen. Was jedoch im Lichte dieses Experiments sehr klar erscheint, ist, dass ICObench und andere Rating-Plattformen die dubiosen Machenschaften auf ihren Plattformen zumindest billigend in Kauf nehmen oder tolerieren. Für unerfahrene Investoren, die auf dieses intransparente und betrügerische Gebaren vertrauen, kann dies ernsthafte Folgen haben. Im schlimmsten Fall droht ihnen der Totalverlust ihrer Einlagen, wenn sie über gefälschte Ratings einem Scam-ICO zum Opfer fallen. Klar ist: Wer sich auf ICO-Ratingplattformen wie ICObench verlässt, der ist verlassen.

Dieses Gemisch aus Intransparenz und Betrug ist jedoch nicht bloß bei Ratingplattformen gängige Praxis, sondern auch an vielen anderen Stellen im ICO-Markt. So sind etwa die Bounty-Campaigns, die beinahe jeder ICO nutzt, zu exzessiven Marketing-Maschinen mutiert, die soziale Medien mit massenweise ungekennzeichneter Werbung fluten und so unerfahrenen Investoren vermeintliches Community-Interesse an einem ICO-Projekt vorgaukeln, das de facto gar nicht existiert. Auch gibt es etwa unter den Krypto-Fachmedien Anbieter, die gesponserte Inhalte, für die sie sich von ICOs bezahlen lassen, als redaktionell-unabhängige Beiträge verkaufen und so ihre Leser hinters Licht führen. Diese Aufzählung von dubiosen Machenschaften lässt sich beliebig fortführen – leider. Jede einzelne von ihnen schadet dem Krypto-Ökosystem auf lange Sicht, denn sie untergräbt das Vertrauen in die gesamte Branche. Um langfristig erfolgreich zu sein, benötigen wir als Krypto-Community jedoch das Vertrauen von weiten Teilen der Gesellschaft. Ein erster Schritt, um dieses notwendige Vertrauen aufzubauen, ist es, Transparenz für Investoren zu schaffen.

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