Die Zentralisierung der Krypto-Ökonomie: Warum Satoshi Nakamotos Vision in der Krise steckt

Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

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Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. An der Blockchain-Technologie faszinieren ihn vor allem die langfristigen Implikationen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

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Nicht mehr den Institutionen, Banken und großen Unternehmen vertrauen müssen, wenn man nicht will. Eine Alternative schaffen zu können, ein Substitut, das auf neutraler Mathematik beruht und nicht technokratisch, zentralistischer Konstituierung. Mit diesen Versprechen ist erstmalig Satoshi Nakamoto in den Ring gestiegen. Nun, zehn Jahre später, sind es genau die „Alten“, das tradierte Finanzsystem und Konzerne, die die Krypto-Ökonomie für sich einnehmen. Wie konnte das passieren und wie lässt sich dieser Widerspruch auflösen?

Der Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 26. Mai 2019 05:05 Uhr von Sven Wagenknecht

Unser Staats- und Finanzsystem hat sich über viele Jahrzehnte und Jahrhunderte kultiviert und gesellschaftliche, politische und ökonomische Rahmenbedingungen geschaffen. An genau diesen Rahmenbedingungen gilt es sich zu orientieren, wenn man „etwas“ umsetzen möchte. Auch die Blockchain-Technologie und die damit einhergehenden Kryptowährungen sind so „etwas“, das sich zumindest vorerst diesen Gegebenheiten fügen muss.

Das Problem besteht allerdings darin, dass sich das technologische Konzept der gegenwärtigen Verwaltungslogik entzieht, ihr sogar diametral gegenübersteht. Eine Zentralisierung durch die Plattformenökonomie – siehe Amazon, Facebook und Google – oder durch Behörden steht im Widerspruch zur autonomen, dezentralen Selbstverwaltung durch ein Public- und Open-Source-Blockchain-Netzwerk. Strukturen, die eine Krypto-Adaption eher bremsen als beschleunigen.

Bequem, einfach und vertrauenswürdig


Ein weiterer Hemmschuh ist der massive Vertrauensverlust in die Krypto-Ökonomie, eingeleitet durch ICO-Exzesse, Scams, mangelnde Benutzerfreundlichkeit und teils fragwürdigem Mehrwert der Use Cases. Als Reaktion auf diese erste Krypto-Welle, die qua Natur chaotisch und überhitzt war – man denke hier nur an die Dotcom-Blase – hat sich ein Bedürfnis nach Vertrautheit durchgesetzt.

Wenn Krypto, dann bitte von bekannten Unternehmen und öffentlichen Institutionen. So haben wir bereits über die Krypto-Spießer berichtet, die sich nach mehr Bausparkassenfeeling und weniger Eigenverantwortung sehnen. Diese Krypto-Spießer machen den Großteil unserer Gesellschaft aus, die bequeme und unkomplizierte Lösungen von Amazon und der Deutschen Bank bevorzugen.

Verständlich: Eine Token-Lösung bzw. eine Dienstleistung in einem Blockchain-Netzwerk muss einen klaren Mehrwert gegenüber der zentralen Banken- oder Konzernlösung bieten. Token und Dezentralität sind kein Selbstzweck, sondern stehen in einem Wettbewerb zu allen bisher bestehenden Dienstleistungsangeboten. Das Argument der Datenautonomie ist dabei lediglich ein elitäres Konzept, das nur einen sehr geringen Prozentsatz unserer Gesellschaft ernsthaft interessiert. Was nicht einfach und wirtschaftlich ist, wird sich nicht in der Breite durchsetzen.

IBM anstatt ERC-20-Logistik-Token?

Doch wie geht es nun weiter, wenn gegenwärtige Krypto-Angebote nicht die Masse überzeugen können? Der aktuell zu beobachtende Weg geht über eine Rezentralisierung der Krypto-Ökonomie, d. h. Unternehmen und Institutionen treten wieder stärker in den Mittelpunkt. Es werden wieder mehr Prozesse zentral gesteuert und nur einige Aspekte dezentral belassen. Ein Beispiel für diese Entwicklung ist EOS. Die Blockchain-Plattform ist deutlich zentraler organisiert als die meisten anderen Blockchain-Projekte. Der Kursentwicklung von EOS schadet dies nicht, der Token belegt aktuell Platz 5 zwischen Bitcoin Cash und Stellar. Ein kommerzieller und pragmatischer Kompromiss, der sich vor allem im B2B-Bereich und im Krypto-Handel abzeichnet.

So sind es die privaten Blockchain-Lösungen, die sich auf Erfolgskurs befinden. Die Blockchain-Lösungen von IBM sind es gerade, die derzeit unseren Ex- und Import deutlich optimieren – nicht eine der ERC-20-Token-Plattformen, die in den letzten Monaten einen ICO gemacht haben. Als sichere Infrastruktur, um Prozesse zu automatisieren, autorisierte Teilnehmer einzubinden sowie IoT-Endgeräte einzusetzen, wird so von IBM und großen Logistikunternehmen die (permissioned) Blockchain-Technologie eingesetzt.

Cut out the Middlemen

Auch im Krypto-Handel zeichnet sich eine Zentralisierungstendenz hin zu den etablierten Playern ab. So haben immer mehr Börsen- und Finanzdienstleister erkannt, dass seitens der breiten Masse überhaupt kein Interesse besteht, seinen Private Key zu besitzen, sprich seine eigene Bank sein zu können. Die Verantwortung wird lieber einer Bank überlassen, als selbst dafür Sorge zu tragen, dass der Private Key sicher aufbewahrt wird. Zusätzlich haben die etablierten Player erkannt, dass ihre Lösungen möglichst benutzerfreundlich und regulierungskonform sein müssen, um Konsumenten und Regulierungsbehörden zu gefallen.

Tendenzen, die im Widerspruch zu Bitcoin und seiner Motivation stehen. Das Narrativ „Cut out the Middlemen“ ist gegenwärtig noch weiter weg als von vielen erhofft. Dezentralisierung ist kein linearer Prozess. Vielmehr folgt auf zwei Schritte nach vorn ein Schritt zurück. In den letzten Monaten haben wir genau diesen Rückschritt erlebt. Ein Grund, den Kopf hängen zu lassen, ist das noch lange nicht. Das Potential der Krypto-Ökonomie ist noch das Gleiche wie vor einem Jahr. Blockchain und Kryptowährungen werden die Welt verändern. Nur wird es deutlich mehr Zeit in Anspruch nehmen als von den meisten Krypto-Enthusiasten bislang angenommen.

BTC-ECHO


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