Die Rolle der Geldmengen – Warum Debatten über eine Blase oft irrational sind

Dieser Tage ergreifen viele selbsternannte Experten das Wort, wenn es um Kryptowährungen geht. Oft ist in diesem Zusammenhang gar das Wort Blase zu vernehmen. Dabei wird weder an Kritik noch an Vergleichen, wahlweise mit der Tulpenmanie im 17. Jahrhundert oder der New Economy in den späten 90er-Jahren gespart. Wir schauen uns die Argumentation einmal genauer an und ordnen diese ein.

Im Gleichschritt erscheinen dieser Tage Prognosen für Bitcoin in astronomischen Höhen und gewaltige Tiefen. Die meisten Medien prophezeien einen grandiosen Crash. Eine Rendite von 18.000 % ist für viele kaum begreifbar. Ein neues, einzigartiges Produkt, das es bislang nicht gegeben hat. Wo soll das enden? Ein baldiges Ende sei unvermeidbar. So denken dieser Tage viele über Bitcoin, nicht aber über Technologieunternehmen wie Apple. Die 18.000 % Rendite bescherten dabei nicht nur Bitcoin, sondern auch Apple über die letzten 14 Jahre. Die Wahrnehmung in den Medien ist zur Zeit ziemlich verzerrt.



Es ist also an der Zeit, die Entwicklung der Kryptowährungen einmal neutral zu betrachten und ins Verhältnis zu setzen. Professionelle Investoren sichern ihr Portfolio gerne mit Gold ab. Die gleichen Investoren bemängeln heute die Vertrauenswürdigkeit und Sinnhaftigkeit von Bitcoin. Dabei haben beide eins gemeinsam: Sie sind nur wertvoll, weil die Mehrheit das genauso sieht. Selbstverständlich werden Bitcoins wertlos, wenn niemand mehr Interesse an der Kryptowährung zeigt. Das gleiche gilt allerdings für Gold: Ändert sich die Wahrnehmung von Gold, würde der Kurs abstürzen. Die industrielle Verwendung von Gold begründet den hohen Kurswert nicht alleine. Wer eine Feinunze Gold in den Händen hält, profitiert von dem reinen Besitz nur sehr begrenzt. Trotzdem ist der Rohstoff seit Langem als „sicherer Hafen“ geschätzt.  Bitcoin wird hingegen zunehmend als Zahlungsmittel akzeptiert. Zu sagen Bitcoin sei unabhängig von der Politik, wäre falsch. Das zeigen insbesondere die Nachrichten aus China und Korea in den letzten Wochen. Viele Regierungen verdrängen die Digitalwährungen oder sprechen konkrete Verbote aus.

Vorzüge einer nicht staatlichen Währung

Kryptowährungen stehen jedoch für eine Freiheit, wie sie klassische Fiatwährungen nicht bieten. Offiziell sind Notenbanken und Politik in demokratischen Ländern zwar getrennt, trotzdem ist der Einfluss nicht zu verkennen. Auf die Eigenschaften von Kryptowährungen hat jedoch kein Staat direkten Zugriff. Dies ist ein großer Pluspunkt in Zeiten wachsender politischer Instabilität und Beschränkung der Freiheitsrechte. Wie viel eine staatliche Garantie wert ist, zeigt gerade das Beispiel Venezuela. Der Bolivar ist nahezu wertlos, die Inflation dramatisch gestiegen. Vergleichbar schreckliche Inflationen erlebten zahlreiche Länder im vergangenen Jahrhundert, teilweise mehrfach. Eine staatliche Währung ist also in keinem Fall ein Garant für Sicherheit.

Dabei ist die Geldmenge von Bitcoin aus internationaler Sicht noch gering. Wir sprechen derzeit bei Bitcoin über eine Marktkapitalisierung von 200 Milliarden oder 0,2 Billionen US-Dollar. Das ist im Vergleich zu den Geldmengen der beiden bedeutendsten Wirtschaftsräume der Welt, USA und EU, sehr gering. Selbst alle im Umlauf befindlichen Kryptowährungen liegen bei rund 0,5 Billionen US-Dollar. Die kleinste Geldmenge M1, sie umfasst Bargeld und Sichteinlagen, liegt derzeit im Euroraum bei rund 10 Billionen US-Dollar und in den USA bei 3,6 Billionen US-Dollar. Ein Vergleich mit der Geldmenge M1 ist dabei unzureichend, da diese vorrangig Bargeld erfasst. Die Geldmenge M2 erfasst zusätzlich Sparprodukte im kurzfristigen Bereich. Eine geeignetere Kennzahl, da für viele Bitcoin und andere Währungen inzwischen ein Investitionsinstrument zur Geldanlage darstellen. Die Geldmenge M2 für die beiden Wirtschaftsräume liegt bei 13 Billionen (USA) respektive 14 Billionen US-Dollar (Europa).

Für die Vollständigkeit sei auch die Geldmenge M3 erwähnt. Sie ist verhältnismäßig nahe an M2, umfasst dabei zusätzlich noch länger laufende Sparprodukte. Der Betrag für M3 wird allerdings nicht mehr regelmäßig veröffentlicht.

Dabei sprechen wir bislang nur von zwei, wenn auch großen Wirtschaftsräumen. Der gesamte asiatische Raum ist noch gar nicht dabei. Und gerade dort treffen digitale Währungen auf viel Enthusiasmus. Die weltweite Geldmenge liegt also bei einem Vielfachen von der Marktkapitalisierung aller Kryptowährungen. Anders ausgedrückt: Es bleibt noch viel Raum für Wachstum.

Auch ist der Bitcoin (oder eine andere Krytpowährung) noch keine Konkurrenz zum aktuellen Devisenhandelsvolumen – also dem täglichen Handel von Fiatwährung, auch FX-Trading genannt. Diese Zahl liegt bei etwa 6 Billionen US-Dollar täglich! Bitcoins werden täglich im Gegenwert von rund 1,5 Milliarden US-Dollar gehandelt. Das ist immer noch viel, aber nicht mehr unvorstellbar viel.

Eine Blase, bereits jetzt ein Anwärter auf den Titel „Unwort des Jahres“, scheint für viele dennoch unausweichlich – so auch für Goldman Sachs wie wir gestern berichteten. Das ist viel leichter gesagt als bewiesen. Letztendlich ist das Wort Blase von den Medien gehypet, aber nicht verstanden. Selbst für Wissenschaftler bleiben Blasen sehr schwer greifbar und bestenfalls im Nachhinein klar erkennbar. Der amerikanische Forscher Jean-Paul Rodrigue entwickelte eine Theorie, um Blasenbildungen zu beschreiben. Das Magazin Forbes wendete das Modell bereits im Winter 2013 auf Bitcoin an und beschreibt die starken Parallelen. Seitdem hat sich der Kurs mehr als verzwanzigfacht. Jetzt argumentiert die Financial Times auf der Grundlage des gleichen Modells für eine Blasenbildung.

Kommen wir zu Apple und Co. zurück. Die Technologieunternehmen erlebten um die Jahrtausendwende das Platzen einer gigantischen Blase. Und heute? Sind sie stärker denn je zurück am Markt.

BTC-ECHO

Über Tim Stockschlaeger

Tim StockschlaegerTim Stockschläger studierte Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Finance in Augsburg und Leipzig. Im Bachelor schrieb er Artikel für verschiedene Magazine und Tageszeitungen. Nach dem Studium arbeitete er zunächst für die Deutsche Bank und ist nun freiberuflicher Autor und Berater. Im Fokus dabei: Der rasante Wandel der Finanzindustrie.

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