Der „Pfad der Gesetzlosigkeit“ – Neue Enthüllungen im Fall der Bitcoin-Börse QuadrigaCX

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Der „Pfad der Gesetzlosigkeit“ – Neue Enthüllungen im Fall der Bitcoin-Börse QuadrigaCX

Neuigkeiten von der umstrittenen ehemaligen Bitcoin-Börse QuadrigaCX. Das kanadische Unternehmen hat offenbar seine Rechtsabteilung abgeschafft, was es Betreiber Gerald Cotten schließlich ermöglichte, das Unternehmen im Alleingang zu führen. Das enthüllte Christine Duhaime, die ehemalige Rechtsberaterin von QuadrigaCX gegenüber Coindesk.

Es hat sich inzwischen herumgesprochen in der Welt der Kryptowährungen: Eine kanadische Bitcoin-Börse mit dem Namen QuadrigaCX steht in der Kritik, weil mit dem Tod des ehemaligen Betreibers eine große Menge an Kryptowährungen verschwunden war. Über 140 Millionen US-Dollar in Bitcoin, Litecoin und anderen Kryptowährungen verschwanden dahingehend in den Tiefen der Blockchain. Gegenüber dem Szenemagazin Coindesk äußerte sich nun eine ehemalige Rechtsberaterin der Bitcoin-Börse zu Wort.

QuadrigaCX und der „Pfad der Gesetzlosigkeit“

Wie sie bei Coindesk berichtet, war Christine Duhaime im Jahr 2015 für die Rechtsberatung von QuadrigaCX zuständig. Dabei sorgte sie nach eigenen Angaben für die regulatorische Beratung des Unternehmens. Bei einer „Management Hard Fork“, so Duhaime weiter, habe sich die Rechtsabteilung des Unternehmens jedoch aufgelöst, woraufhin QuadrigaCX „einen Pfad der Gesetzlosigkeit“ eingeschlagen haben soll.

In der Zeit jedoch, in der Duhaime für QuadrigaCX arbeitete, so die Anwältin aus Vancouver, habe die Bitcoin-Börse in Verhandlungen mit den kanadischen Regulierungsbehörden gestanden. Außerdem habe die Börse bereits im Jahr 2015 über ein Cold Storage, also einer ausgelagerten, sicher geschützten Verwahrfunktion für die Kryptowährungen der Nutzer, verfügt.

Zu dieser Zeit war die Rechtsabteilung der kanadischen Börse offenbar recht ausgeprägt; insgesamt vier verschiedene Firmen sollen das Unternehmen unter Geschäftsführer Gerald „Gerry“ Cotten in juristischen Fragen beraten haben. Darüber hinaus habe es stets eine korrekte Dokumentation von Trades gegeben, ein unabhängiger Wirtschaftsprüfer soll das alles abgesegnet haben.

Im Zuge einer Aufteilung des Unternehmens habe die Börse ferner im Jahr 2014 eine Reihe von neuen Aktionären bekommen haben, von denen sie nichts gewusst haben wollte. Im Zuge dessen – so die Vermutung Duhaimes – kamen dann innerhalb des QuadrigaCX-Teams erhebliche Zweifel auf. Die Befürchtung: Sie waren zum Pump-and-Dump-Opfer geworden.

Erpressung der Rechtsfirma

Im Zuge der aktuellen Entwicklungen sei die Kanzlei der Anwältin dann erpresst worden. Die Forderung: Sie sollen vertrauliche Informationen zu Interna bei der Börse herausgeben. Falls nicht, so die Drohung, würden sie auf sozialen Medien diffamiert werden. Ferner drohten die Erpresser damit, der Firma erheblichen Schaden zuzufügen und darüber hinaus eine (offenbar gefälschte) Klage gegen sie einzureichen.

Während sich das Unternehmen von Duhaime dieser Erpressung jedoch nicht hingab, so Duhaime weiter, haben einige Personen mit wichtigen Informationen ebenjene zurückgezogen. Wie sie weiter berichtet, habe QuadrigaCX nach und nach ausstehende Unternehmensanteile zurückgekauft bzw. für ungültig erklärt. Wenn das wiederum der Wahrheit entspräche, bedeutet das letztlich auch, dass es kaum Aktionäre gegeben haben könnte, die an Entscheidungen innerhalb des Unternehmens teilhaben konnten. Kurzum: Sämtliche Entscheidungen scheinen von der Führungsebene gefällt worden zu sein.

Bitcoin-Börsen-Betreiber Cotten entließ Rechtsabteilung

Zurück zum Weg der Gesetzlosigkeit. Wie Duhaime weiter berichtet, habe Gerald Cotten schließlich beschlossen, das Unternehmen nach und nach unter seine alleinige Herrschaft zu bekommen. Im Zuge dessen entließ er die komplette Rechtsabteilung: Buchhaltung, Wirtschaftsprüfer und Regulierungsrechtskraft mussten kurzerhand die Schreibtische räumen.

Danach sei die alleinige Herrschaft in die Hände Cottens gefallen. Wie bekannt ist, war er nicht nur der einzige, der über die Private Keys verfügte, vielmehr hatte er nach den Entlassungen auch relativ freie Hand, was rechtliche Entscheidungen anging. So stellt die ehemalige Rechtsberaterin von QuadrigaCX fest:

Von diesem Zeitpunkt an [Entlassung der Rechtsabteilung] übernahm Mr. Cotten […] QuadrigaCX und betrieb die Börse so, als hätte sie keine Investoren, keine Aktionäre, keine Regulierungsbehörden und kein auf sie anwendbares Recht. Kein Gesellschaftsrecht, kein Wertpapierrecht, kein Anti-Geldwäscherecht und kein Vertragsrecht. Ich weiß nicht, warum Mr. Cotten beschlossen hat, das Regulierungsgesetz zu umgehen, aber ich habe nach diesem Tag nie wieder mit ihm gesprochen.

Weiterhin weist die Anwältin auf Ungereimtheiten bezüglich der aktuellen Aufklärung hin. So gebe es nachweislich „Gerichtsprotokolle, Buchführungsunterlagen, geprüfte Jahresabschlussbilanzen, Bankunterlagen, Informationen zu Verträgen, Aufzeichnungen von maximalem Trading Volumen sowie Unterlagen zum Cold Storage“ des Unternehmens. Das Problem dabei: Sie sind in der Provinz British Colombia hinterlegt. Die Rechtsstreitigkeiten finden jedoch in Novia Scotia statt – ein ausreichender Austausch habe bisher nicht stattgefunden. Darüber hinaus habe bisher keine der beteiligten Rechtsfirmen einen Antrag darauf gestellt, die Assets zum Schutz der Anleger einzufrieren.

Einordnung der Aussagen Christine Duhaimes

Gesetzt den Fall, dass die gegenüber Coindesk getätigten Aussagen der Wahrheit entsprechen, stellen sich im Fall QuadrigaCX neue Fragen, während sich vorhandene Verdachtsmomente verdichten. So wären die wiederholten Aussagen, es gebe keine ausreichende Dokumentation der Krypto-Transaktionen, als falsch zu bewerten. Ferner werfen die Aussagen Fragen nach mangelnder Zusammenarbeit der Justizbehörden auf. Hier von Behördenversagen zu sprechen, wäre demnach angebracht. Darüber hinaus wird hier abermals der Ruf nach einer sinnvollen, supranationalen Regulierung laut.

Was das Statement weiter enthüllt, ist der merkwürdige Alleingang des Börsenbetreibers Cotten. Durch die Abschaffung der Rechtsabteilung sowie den Rückkauf der Unternehmensanteile schaffte er Platz für eine Zentralisierung auf seine Person, die die Planung eines Exit Scams zumindest nahelegen würde. In Zusammenspiel mit den Gerüchten um das Vortäuschen des Todes bleibt der Nachgeschmack, den die Causa QuadrigaCX hinterlässt, vor allem: bitter.

Die ehemaligen Nutzer der Bitcoin-Börse müssen indes weiterhin auf Fortschritte des zuständigen Gerichts warten. Etwaige Schadensersatzklagen können sie bisweilen nicht einreichen. Denn der Gläubigerschutz, der ursprünglich am 5. Februar für 30 Tage gewährt wurde, bekam am 5. März eine Verlängerung von 45 Tagen. Bis dahin heißt es für die geprellten Nutzer: abwarten.

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