Brexit verschreckt Finanztalent – Auch Blockchain-Unternehmen leiden

David Barkhausen

von David Barkhausen

Am · Lesezeit: 4 Minuten

David Barkhausen

David Barkhausen hat als freier Journalist bereits für mehrere Tageszeitungen, Funk, Fernsehen und nebenbei seinen eigenen Blog geschrieben. Seit 2017 widmet sich der Master-Student der Politikwissenschaften der Universität Heidelberg dem Themenkomplex Blockchain. In diesem Zusammenhang fokussiert er sich vor allem auf die Bereiche Regulierung, Gesellschaft und Wirtschaftspolitik.

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Quelle: Shutterstock.com

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Immer mehr Absolventen entscheiden sich gegen eine Karriere im britischen Finanzzentrum London. Darunter ächzt vor allem die ansässige FinTech-Branche. Schuld sind die unsicheren Arbeitsbedingungen des anstehenden Brexits, berichtet der Branchenverband TheCityUK. Denn in nicht mehr als neun Tagen steht der offizielle Scheidungstermin zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU ins Haus.


Der Artikel wurde zuletzt aktualisiert am 26. Mai 2019 05:05 Uhr von Tanja Giese

Einst galt London neben New York als eines der wichtigen Finanzzentren der Welt. Seit dem Brexit-Votum der britischen Bevölkerung im Sommer 2016 gilt dieser Status jedoch unlängst als gefährdet. Denn wenn bis zum 29. März keine Einigung zwischen London und der EU gefunden ist, könnte das Schreckgespenst eines harten, ungeordneten Brexits ohne Abkommen Gestalt annehmen.

Bereits heute wandern immer mehr Unternehmen und Banken aus der Finanzmetropole ab. Sie fürchten, den Zugang zum EU-Binnen- und Arbeitsmarkt in einem solchen Szenario zu verlieren.

Vor allem der FinTech-Sektor ächzt dieser Tage unter der ungewissen Zukunft. Denn der Brexit schreckt immer mehr Finanztalente ab, Karrieren in London zu verfolgen. Dies stellt der britische Finanzverband TheCityUK in seinem jüngsten Bericht fest.

Seit dem Brexit-Votum im Juni 2016 sehen wir einen bemerkenswerten Rückgang von Absolventen insbesondere aus Frankreich und Deutschland,

berichtet Miles Celic, Geschäftsführer des Verbands, vom Abwanderungstrend. Derzeit beschäftige der britische FinTech-Sektor zwar knapp 60.000 Angestellte, von denen rund ein Fünftel aus den EU-Mitgliedsstaaten stamme. Heute würden sich jedoch mehr gegen Arbeitgeber in London entscheiden, als für den Umzug an die Themse.

Konkurrenz vom Festland – Finanztalent wird zur Mangelware

Darunter leiden neben anderen Software-Entwicklern vor allem auch Blockchain-Start-ups. Denn hier ist neben Spartenwissen vor allem technisches Know-how gefragt. Künftig könnte genau dies zur Mangelware werden, so der Bericht. So bestünde etwa das Risiko, dass mehr Finanzexperten abwandern, als durch eigene Ausbildung an heimischen Universitäten kompensiert werden kann.

Der derzeitige Mangel an Tech-Talenten ist ein strategisches Problem für die britische Finanz- und verwandte Dienstleistungsbranche,

bestätigt auch Nathan Bostock, UK-Geschäftsführer des spanischen Bankenriesen Santander die Brisanz der Lage. Bislang würde jedoch zu wenig getan, um der Abwanderung zu begegnen.

Konkurrenz macht London dieser Tage neben Paris und Luxemburg vor allem der Blockchain-Hub Berlin. Immer mehr Start-ups siedeln sich hier an, um neben dem gesicherten Zugang zum EU-Binnenmarkt auch die freie Arbeitsmigration des Schengenraums zu nutzen. Anders als in London müssen Finanztalente aus der europäischen Nachbarschaft hier keine Beschränkungen fürchten.

Brexit: Der Stand der Dinge und wie es nun weiter gehen soll

Dieser Tage gleicht das Jahrhundert-Vorhaben Brexit längst der Quadratur des Kreises – so chaotisch muten die scheinbar endlosen Verhandlungen an, so unvereinbar scheinen innenpolitische Positionen Londons mit den Vorstellungen aus Brüssel und Straßburg.

Nachdem das britische Parlament den jüngsten Stand des zuvor verhandelten Austrittsabkommens zuletzt in der vergangenen Woche abgelehnt hatte, steht nun zum 29. März der offizielle Scheidungstermin ins Haus.

Um doch noch geordnet in eine gemeinsame Zukunft starten zu können, bemüht sich London in dieser Woche um einen letzten Aufschub. Wie ihr Sprecher bestätigt, bittet die britische Premierministerin Theresa May EU-Ratspräsident Donald Tusk in einem Schreiben um eine Fristverlängerung und die Verschiebung des Brexit-Termins bis Ende Juni.

Tusk wiederum verlangt vom britischen Parlament, dass es den Austrittsvertrag vorher absegnet. Bereits nächste Woche dürfte es deshalb zu einer dritten, innenpolitisch umstrittenen Abstimmung im britischen Unterhaus kommen.

Über mögliche Zugeständnisse könnte allerdings schon der EU-Gipfel in Brüssel am heutigen Donnerstag, dem 20. März, entscheiden. Denn einen wie von May geforderten Aufschub müssen alle Mitgliedsstaaten einstimmig absegnen.

Dass die Staats- und Regierungschefs der 27 Mitgliedstaaten einer kurzen Gnadenfrist stattgeben würden, galt bisher als nahezu sicher. Vonseiten der EU-Kommission regt sich jedoch Widerstand: Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker bekräftigt, dass die EU mit Blick auf das gemeinsame Abkommen keine weiteren Zugeständnisse machen werde. Die Verhandlungen seien abgeschlossen. Für den Gipfel rechne er mit keiner Entscheidung über den Aufschub.

Auch ohne harten Brexit: Austritt ist für London ein Verlustgeschäft

Sollte sich bei den anstehenden Verhandlungen eine Lösung finden, wird die Wirtschaft auf den britischen Inseln wie auch auf dem Kontinent aufatmen. Ungeschehen wird dies den Abwanderungstrend und die ersten Umsiedlungen von London auf das europäische Festland jedoch nicht machen. Ob mit oder ohne Abkommen – für das Finanzzentrum bedeutet der Austritt bereits heute vor allem Verluste.

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