„Brennpunkt“ zu Blockchain, Kryptowährungen und Smart Contracts in Kassel

„Brennpunkt“ zu Blockchain, Kryptowährungen und Smart Contracts in Kassel

Unter dem Dach der etablierten Vortragsreihe „Brennpunkt Medien und Recht“ fand am 16. Mai 2018 im – mit 130 Teilnehmerinnen und Teilnehmern vollbesetzten – Gießhaus der Universität Kassel eine Veranstaltung zum Thema „Blockchain, Kryptowährungen und Smart Contracts“ statt.

Prof. Dr. Murad Erdemir (Stv. Direktor und Justiziar der Hessischen Landesanstalt für privaten Rundfunk und neue Medien – LPR Hessen) spannte in seiner Eröffnung einen breiten Bogen vom aktuellen Phänomen des heimlichen Schürfens von Kryptowährungen auf fremden PCs als „dem neuen heißen Scheiß der Crimeware-Szene“ (Zitat aus c’t 09/2018, S. 79) über die mögliche Lösung von Problemen des Datenschutzes, die Förderung der Verwaltungsreform und des Verbraucherschutzes bis hin zur Stärkung und Modernisierung demokratischer Strukturen, die allesamt vom Einsatz der Blockchain-Technologie erwartet werden.

Technische und funktionale Aspekte öffentlicher Blockchains erläuterte Prof. Dr. Dr. Walter Blocher (Initiator und Sprecher der DLT-Forschungsgruppe der Universität Kassel). Erstmals in der Menschheitsgeschichte sei es nun möglich, jedermann in ein Verzeichnis blicken und schreiben zu lassen. Aus dem könne jedoch nichts mehr gelöscht werden, was eine mit anderen Mitteln nicht erzielbare Fälschungssicherheit, Korruptionsimmunität, Zensurresistenz, Resilienz und Verfügbarkeit blockchain-gestützter Transaktionssysteme bewirke. Mit auf einer Blockchain laufenden Smart Contracts lasse sich in manchen Bereichen die Durchsetzung von Ansprüchen automatisieren, sodass dafür nicht mehr zwingend staatliche Gerichte angerufen werden müssten.

Dr. Friederike Ernst (Chief Operation Officer von Gnosis Ltd.) gab einen Einblick in das Geschäftsmodell dezentralisierter, also blockchain-gestützter Vorhersagemärkte, auf denen Marktkräfte genutzt werden, um auf effiziente Weise zuverlässige Prognosen für Ereignisse wie etwa die Eröffnung des Flughafens BER in einem bestimmten Jahr, die Einhaltung des Budgets eines großen Infrastrukturprojekts oder die Eisfreiheit der Nordostpassage zu erhalten.

Diffizile datenschutzrechtliche Fragen, die aus der Transparenz und Unveränderlichkeit öffentlicher Blockchains resultieren, beleuchtete Prof. Dr. Franziska Boehm (Leibnitz-Institut für Informationsinfrastruktur, Karlsruhe). Ansätze zur Lösung des Spannungsverhältnisses zwischen dem auf Zentralität ausgelegten Datenschutzrecht und der Dezentralität von Blockchains sieht sie in der Standardisierung und in der Entwicklung sicherer kryptographischer Verfahren.

Die möglichen Vorzüge blockchain-basierender Register für Grundstücke, bewegliche Sachen und Immaterialgüter nahm Prof. Dr. Georg von Wangenheim (Mitglied der DLT-Forschungsgruppe der Universität Kassel) ebenso in den Fokus wie hierdurch aufgeworfene Fragen, etwa nach dem Verhältnis zwischen Gutglaubenserwerb und Registereintragung. Resümierend verneinte er einen privatrechtlichen Anpassungsbedarf für den Umgang mit Kryptowährungen, befürwortete die verpflichtende Registrierung wertvoller Güter mit ausgeprägtem Sekundärmarkt sowie guter Identifizierbarkeit und begrüßte die auf Smart Contracts gestützte außergerichtliche Streitbeilegung.

Im Anschluss an die Vorträge diskutierten die Referentinnen und Referenten unter weiterer Beteiligung von Rechtsanwalt Florian Glatz (Präsident des Blockchain Bundesverbandes) und der Moderation von Sven Wagenknecht (Chefredakteur von BTC-ECHO) ihre Standpunkte mit dem sehr aufmerksamen Publikum.

„Uns ist bewusst, dass die Blockchain im Augenblick viel mehr Fragen aufwirft als befriedigend beantwortet werden können. Den Herausforderungen des daraus ableitbaren multidisziplinären Forschungsbedarfs stellt sich die Universität Kassel mit dem Blockchain Center.eu und der unter diesem Dach agierenden DLT-Forschungsgruppe“, so Prof. Blocher in einem ersten Fazit. „Die disruptive Technologie der Blockchain beflügelt Phantasien von einer transparenteren Informationsgesellschaft. Die LPR Hessen wird die anstehenden evolutionären Veränderungen gleichermaßen konstruktiv wie kritisch begleiten und ihr Augenmerk dabei insbesondere auf den Persönlichkeitsschutz richten“, resümiert Prof. Erdemir.

Mit der 2012 ins Leben gerufenen Vortragsreihe „Brennpunkt Medien und Recht“ unternehmen die LPR Hessen und das Institut für Wirtschaftsrecht der Universität Kassel (IWR) in Kooperation mit der Juristischen Gesellschaft zu Kassel und dem Institut für Europäisches Medienrecht (EMR) einen Brückenschlag zwischen Wissenschaft und Praxis und loten aus, welche Rahmenbedingungen das Recht unter digitalen Vorzeichen setzen kann und setzen soll. Dabei ging es in den zurückliegenden Jahren unter anderem um Fragestellungen im Zusammenhang mit informationeller Teilhabe, Liquid Democracy, Netzneutralität, Meinungsmacht und der Bedrohung der Privatsphäre durch elektronische Gadgets.

Der „Brennpunkt“ wird im Sommersemester 2019 fortgesetzt.

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