Astratum – The Rise of Tokens and Protocols

Astratum lud wieder zur Token Economy ein: ein Abend rund um ICOs, Regularien – und miteinander handelnden Drohnen

Astratums Veranstaltungsreihe im IKONIK Studio, einem Co-Working-Space in Neukölln, wird mehr und mehr zum Berliner Anlaufpunkt für Leute, die an der Token Economy interessiert sind. Die Token Economy ist dabei ein Begriff, der in Anlehnung an die Digital Economy oder die New Economy das wirtschaftliche Ökosystem um ICOs und Token Sales beschreibt: Im Rahmen eines Initial Coin Offerings beziehungsweise eines Token Sales verkauft ein Projekt Token.

Durch die Token Economy ist es Unternehmen möglich, mit relativ geringem Aufwand finanzielle Unterstützung für interessante Projekte zu erhalten. Umgekehrt kann durch die Token Economy jede interessierte Person schon früh in jene Projekte investieren.

Die in einem ICO gekauften Token können meistens an verschiedenen Börsen gehandelt werden. Das wirklich Interessante an der Token Economy ist jedoch, dass diese Token zusätzliche Funktionen ermöglichen: Sie können den Besitzer zur Mitentscheidung über die erwirtschafteten Funds verhelfen, sie können mit wichtigen Funktionen des geplanten Projekts verbunden sein oder sie können auch zu regelmäßigen Auszahlungen an die Token Holder führen. All das kann in den Token implementiert werden.

Astratum – Kryptowährungen statt Riesterrente

Sven Läpple von Astratum hat zu Beginn die Entwicklung der Token Economy dargestellt, indem er einen langen Bogen von der 68er-Bewegung über die Phreaker und Cypherpunks, über Open Source und Occupy hin zu Bitcoin und Ethereum schlug. Auf dem Ethereum-Protokoll wurde das ERC20-Token entwickelt, was zwar ICOs nicht erfunden, sie jedoch nachhaltig geprägt hat.

In der Token Economy sieht Sven bei allen Schwierigkeiten, Sorgen und Scams im ICO-Ökosystem eine Disruption des Finanzsystems. Das drückte die New York Times recht griffig aus:

“Unsere Großeltern hatten einen Pensionsfonds, wir haben Kryptowährungen.”

Neben dieser Einordnung der Token Economy wurde Sven etwas konkreter und führte die unterschiedlichen Typen von Token ein: Neben den klassischen Kryptowährungen wie Bitcoin nennt er ein System wie Ethereum ein Utility Token, d. h. ein Token, welches mehr als ein Zahlungssystem sein kann. Schließlich seien Tokenized Securities genannt, Token, die den Investoren Anteile am Projekt geben.

Unternehmen und Projekten, welche eine Finanzierung über einen ICO planen, legt er nahe, über drei Punkte nachzudenken:

  • Was für eine Funktion hat der Token?
  • Wie unterstützt der Token das jeweilige Geschäftsmodell?
  • Wie ist die finanzielle Beziehung zwischen Geschäftsmodell und Token?

Umgekehrt sollten Investoren vor Teilnahme an einem ICO ihre Due Dilligence machen:

  • Macht die Technologie dahinter Sinn?
  • Was für Entwickler stehen dahinter?
  • Was kann man über die Ökonomie dahinter sagen? Wie hoch ist das Premining?
  • Wie ist die Governance in dem Projekt geregelt?

Sven schloss seinen Vortrag mit einigen Beispielen für interessante neue Projekte innerhalb der Token Economy ab und leitete damit über zum nächsten Vortrag.

Aira – Drohnen, die miteinander handeln

Beim nächsten Vortrag hat Sergey Lonshakov uns an der Vision hinter Aira teilhaben lassen: Mit Aira soll ein Finanzsystem für Roboter geschaffen werden. Das erinnert durchaus etwas an IOTA; entsprechend wird bezüglich Use Cases an Smart Cities, IOT, Smart Factories und Industrie 4.0 gedacht.

Im Vortrag wurde ein Video gezeigt, in dem eine Drohne mittels Ethereum gesteuert wird. Das mag auf den ersten Blick nicht die Plattform der Wahl sein, zeigt jedoch das Potenzial, welches mithilfe von Smart Contracts realisiert werden kann. Dieser Ansatz eröffnet neue Möglichkeiten in der intermaschinellen Kommunikation und der Programmable Economy, in der Maschinen wie eben Drohnen miteinander handeln können. Smart Contracts können dann beispielsweise genutzt werden, um Drohnen zu mieten.

Im weiteren Verlauf des Vortrages hat Sergey eine wirklich gewagte Vision präsentiert, in der Smart Cities und Smart Companies als Sensoren und Aktoren zur Erfüllung des Parisabkommens genutzt werden sollen. Mithilfe eines globalen Netzwerkes an Messstellen soll also die Emission von Fabriken und Städten kontinuierlich so angepasst werden, dass die mittlere Erderwärmung auf unter 2 Grad Celsius gegenüber vorindustriellen Werten geregelt wird. Climate Engineering im wahrsten Sinne des Wortes.

Wem diese Vision noch nicht futuristisch genug ist: Diese globalen Regelschleifen zur Optimierung des Klimas sind laut Sergey Lonshakov auch für das Terraforming vom Mars nutzbar.

Man mag gerne derartige Ideen als Fantastereien abtun, das steht jedem frei. Aber, um es mit Lee Smolins “The trouble with physics” zu sagen: Wir brauchen neben den bodenständigen Craftspeople auch die visionären, “verrückten” Seher, um voranzukommen. Auf jeden Fall war der Vortrag inspirierend.

DWF – die rechtlichen Implikationen von Token Sales

Im Rahmen einer Podiumsdiskussion sind Anwälte von DWF auf die rechtlichen Aspekte um Token und ICOs eingegangen. Bei DWF handelt es sich um eine international agierende Rechtsanwaltsgesellschaft.

Mit Vertreterinnen und Vertretern aus Deutschland, Frankreich, Italien und Großbritannien konnte im Rahmen dieses Panels ein guter Überblick über die regulatorische Situation um ICOs und Token Sales in den verschiedenen Ländern gegeben werden. Es zeigt sich hier, dass die Briten die entspannteste Haltung haben, während wir Deutschen, korrekt wie immer, bei der Regulierung am penibelsten sind.

Nina Seidler, die auch durch ihre Arbeit im Bundesverband Blockchain bekannt ist, hat zu Beginn auf die unterschiedlichen Charakteristiken, die ein Token haben kann, hingewiesen und die Unterscheidung zwischen Kryptowährung, Utility Token und Tokenized Security auf eine rechtliche Basis gestellt: Eine Kryptowährung kann ein Tauschmedium, eine Wertanlage oder eine Verrechnungseinheit sein. Bei Utility Tokens kann es sich um Lizenzen oder auch Coupons handeln, während bei Tokenized Securities es sich eben um Securities ähnlich Aktien handeln kann.

All diese Use Cases haben unterschiedliche rechtliche Implikationen; was für eine Kryptowährung gilt, muss nicht für eine Tokenized Security gelten. Die Behörden gehen dabei oft nach dem Duck-Kriterium vor: Was wie eine Ente aussieht, sich anhört und bewegt, ist de jure eine Ente und muss dieselben rechtlichen Anforderungen wie jede Ente erfüllen.

Für an ICOs Interessierte wurde darauf hingewiesen, dass die BaFin an einem Dokument hinsichtlich der Regulierung von Token Securities arbeitet. Es kann sogar vorkommen, dass es aus Oslo ein Global Mutual Statement zu diesem Thema gibt.

In der Veröffentlichung der BaFin wird es darum gehen, dass die Organisatoren eines Token Sales sich an bestimmte Anforderungen halten müssen. Diese sind in Deutschland im Vermögensanlagegesetz und im Kapitalanlagegesetzbuch geregelt.

Für viele sorgen die Begriffe BaFin und Regulierung für Schnappatmung. Man bekommt Angst, dass der deutsche Verwaltungsapparat mal wieder durch Verbote und Regelungen Innovation aufhält. Auch wenn diese Sorgen verständlich sind, darf man zum einen die Sorge seitens der BaFin nicht ganz ignorieren: der ICO-Markt ist ein Markt mit hohen Risiken, an denen Leute sich nicht nur die Finger verbrannt haben, sondern von Betrügern finanziell ruiniert wurden. Zum anderen ist eine Regulation auch eine implizite Anerkennung; wenn eine Tokenized Security so ernst wie eine klassische Security genommen wird, ist das ein positives Signal für die Token Economy.

Ich hatte noch die Frage gestellt, ob die kommenden Regulierungen auch für Airdrops zählen würden. Auch wenn viele bei Airdrops gerne nur an “Free Money” denken, darf nicht vergessen, dass es sich bei den Veranstaltern der Airdrops selten um Philantropen oder die Caritas handelt. Das Werfen von wertlosen Token kann, sofern diese irgendwo gelistet werden, einem Projekt zu viel Geld verhelfen – sofern sie nicht 100 % ihrer Tokens verschenken. Da hier das hohe Risiko einer Blasenbildung besteht, hatte ich vermutet, dass die BaFin und andere Behörden sich der Sache schon angenommen haben.

Anscheinend ist das nicht der Fall. Da die ausgesprochene Absicht eben nicht die Bereicherung ist, kann es laut Vertretern von DWF sogar sein, dass es bei Air Drops generell zu keiner Regulierung kommt.

Leider warteten einige Aufgaben am nächsten Tag auf mich, weshalb ich die Vorträge von FOAM und REIDARO nicht mehr hören konnte.

Insgesamt hat mir jedoch der Abend wieder sehr gefallen, weshalb ich jedem, der in Berlin wohnt, die Veranstaltungen von Astratum ans Herz legen möchte.
Wer einen Eindruck von dieser Veranstaltung gewinnen und einige Vorträge ansehen möchte, kann dies im 360°-Video tun.

BTC-ECHO

Über Philipp Giese

Philipp GieseDr. Philipp Giese arbeitet nebenberuflich als Analyst für BTC-ECHO und ist auf die Bereiche Chartanalyse und Technologie spezialisiert. Zudem engagiert er sich aktiv für die Krypto-Community – sowohl online als zentraler Ansprechpartner im Slack-Channel von BTC-ECHO als auch offline als Speaker und Interviewer pflegt er stets den Austausch mit Startups, Entwicklern und Visionären. Der promovierte Physiker kann auf jahrelange Berufserfahrung als Projektleiter und technologischer Berater zurückgreifen. Philipp begeistert sich dabei seit vielen Jahren nicht nur für die technologische Dimension von Kryptowährungen, sondern auch für die dahinterliegende sozioökonomische Vision.