Abseits der Kursachterbahn – Warum Bitcoin Sprengstoff für die internationalen Beziehungen ist

Sven Wagenknecht

von Sven Wagenknecht

Am · Lesezeit: 5 Minuten

Sven Wagenknecht

Sven Wagenknecht ist Chefredakteur von BTC-ECHO. An der Blockchain-Technologie faszinieren ihn vor allem die langfristigen Implikationen auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft.

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Das Auf und Ab von Bitcoin in den letzten Tagen hat die Schnelllebigkeit des Kryptomarktes mal wieder schmerzhaft vor Augen geführt. Anfang der Woche ging es bergauf für den Kryptomarkt, um dann am Mittwoch in den freien Fall überzugehen – über die Gründe hatten wir ausführlich berichtet. Langfristige Implikationen auf Politik und Makroökonomie werden dabei gerne ausgeblendet, man hangelt sich von Woche zu Woche. Die Fokussierung auf das Kurstreiben lässt den Blick auf die großen Narrative von Bitcoin verwischen. Daher ist es wichtig und spannend, Überlegungen anzustellen, die über den Horizont des Daytradings hinausgehen. Die (potentielle) Bedeutung von Bitcoin für internationale Handelsgeschäfte.

Der Iran hat diese Woche in puncto Bitcoin von sich reden gemacht. Es herrscht Rallyestimmung und der Bitcoin hat auf der nationalen Handelsbörse Exir zeitweise eines neues Allzeithoch von umgerechnet knapp 24.000 US-Dollar erreicht. Schwer vorstellbar für viele, wie ein homogenes digitales Gut solche enormen Preisunterschiede im internationalen Vergleich aufweisen kann. Entgegen der Logik von Bitcoin gibt es auch nationale, abgeschottete Kryptomärkte. Schuld daran sind nicht technologische Hürden, sondern nationale Restriktionen wie Kapitalverkehrskontrollen, die keinen internationalen Bitcoin-Handel erlauben.

Regionaler Kryptomarkt


So haben unter anderem US-Sanktionen dazu geführt, dass die iranische Währung Rial enorm an Wert gegenüber dem US-Dollar eingebüßt hat. Die Entwertung der heimischen Währung befeuert den Bitcoin-Kurs – es müssen immer mehr Rial aufgewendet werden, um Bitcoin zu erwerben. Das Ergebnis sind absurde Umrechnungskurse wie die kürzlich angetesteten 24.000 US-Dollar. Dieser Umrechnungskurs ist dabei vor allem theoretischer Natur, da ein Teil der US-Sanktionen den eingeschränkten Zugang zum US-Dollar-Devisenmarkt vorsieht.

Privatpersonen und Unternehmen aus dem Iran wird damit die Möglichkeit genommen, US-Dollar zu erwerben, um internationale Handelsgeschäfte zu betreiben. Eine Katastrophe für die Wirtschaft und insbesondere den Ex- und Import von Öl, der primär über US-Dollar abgewickelt wird. Die Begleiterscheinung solcher Abwertungen sind Fluchtreaktionen in sichere Häfen. Da der US-Dollar für Länder wie den Iran oder Venezuela selbst nicht oder nur sehr eingeschränkt zur Verfügung steht, müssen andere Fiatwährungen erworben werden. Oder eben Bitcoin.

So ist es immer wieder im Zuge größerer Abwertungen der nationalen Fiatwährungen zu Fluchtreaktionen in Bitcoin gekommen. Besonders sichtbar war dies erst kürzlich bei der türkischen Lira. Während die türkische Lira rund 30 Prozent in ihrem US-Dollar-Wechselkurs einbüßen musste, konnten die Handelsumsätze an den nationalen Kryptobörsen im gleichen Zeitraum um rund 100 Prozent zulegen. Dies macht Bitcoin nicht nur zu einer Fluchtwährung, sondern auch zu einem politisch hochinteressanten Phänomen, da es neue Unabhängigkeiten mit gleichzeitigem Konfliktpotential schaffen kann.

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Politische Gedankenspiele

Es geht dabei nicht um die Bewertung der gegenwärtigen politischen Situation oder Verantwortung. Die Beispiele sollen vielmehr verdeutlichen, dass Kryptowährungen und damit allen voran Bitcoin als politische Verhandlungsmasse herhalten können. Zwar mag die Relevanz von Bitcoin auf dem globalen Devisenmarkt geradezu winzig erscheinen, dennoch bringt die dezentrale und nationslose Form von Geld neue Handlungsspielräume mit sich.

Theoretisch kann durch Bitcoin eine formale Entpolitisierung des Devisenverkehrs bewirkt werden, da Institutionen, wie z. B. Zentralbanken oder Finanzaufsichtsbehörden, keinen institutionell geregelten Einfluss auf Bitcoin nehmen können. Das bedeutet nicht, dass nicht Kryptoverbote oder gar Angriffe, wie eine 51-Prozent-Attacke das Ökosystem und die korrespondierende Krypto-Adaption beeinflussen können.

Zukunftsmusik

Bisher schöpfen Unternehmen und Staaten diese Alternative nicht aus. Es fehlt an Handelspartnern und einer Infrastruktur, zumal die immer noch hohe Volatilität Handelsgeschäfte zusätzlich erschweren würde. Wenn also ein Ölunternehmen, egal ob staatlich oder privat, versuchen würde, die Ölgeschäfte in Bitcoin abzuwickeln, würde es kläglich scheitern und an zu vielen technischen und vor allem politischen Hürden abprallen.

Bislang ist Bitcoin in erster Linie eine Währung für Privatpersonen und nicht für Unternehmen oder öffentliche Institutionen. Mit der Zeit ist aber auch hier ein Umdenken, gerade von den politisch ausgegrenzten oder mit Inflation kämpfenden Ländern zu erwarten.

Dabei müssen es nicht einmal nur die von Sanktionen heimgesuchten Länder sein, die von Bitcoin-Zahlungen profitieren können. Auch mittelständische Unternehmen, die Exporte wie Maschinen und Autos in die ganze Welt liefern, könnten von schnellen und unbürokratischen Transaktionen profitieren. Anstatt mehrere Fremdwährungskonten besitzen zu müssen, könnte eine Corporate-Bitcoin-Wallet zusätzliche Flexibilität in das Ex- und Importgeschäft bringen, indem z. B. Zahlungsziele durch schnellere internationale Zahlungen verkürzt werden können.

Alles Theorie

Selbstverständlich sind dies alles theoretische Gedanken, die weder kurz- noch mittelfristig in der Praxis eintreffen werden. Genau darum geht es aber mit Blick auf die großen Technologien wie Blockchain, künstliche Intelligenz oder Internet der Dinge. Nicht nur die nächsten Wochen oder die nächsten zwei Jahre im Visier zu haben, sondern auch die nächsten fünf Jahre. Auch wenn Kryptowährungen für die großen Handelsgeschäfte, insbesondere von Konzernen oder staatlichen Unternehmen wie Institutionen, in nächster Zeit nicht herhalten werden, ist es wichtig, verschiedene Szenarien zu durchdenken.

Inwiefern können Staaten die Krypto-Ökonomie regional beeinflussen? Braucht es in Zukunft gesonderte Abkommen, wenn Interessenskonflikte nicht mehr nur an den Fiat-Devisenbörsen, sondern auch an den Kryptobörsen ausgetragen werden? Wie könnten staatliche Bitcoin-Sanktionen aussehen? Wie kann die dezentrale Logik der Krypto-Ökonomie mit der oftmals zentralen Ordnungslogik der Regulierungsbehörden zusammengebracht werden?

Viele Fragen, wenige Antworten. Genau dies macht die Krypto-Ökonomie so spannend und sollte jedem Krypto-Interessierten Mut für Gedankenexperimente machen.

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